Donnerstag, 24. Januar 2013

143 Gesucht: Advokat der Klippenspringer



Wie Tonke unter dem Bild des Niklaus von Flüe auf Bilder von modernen Leidheiligen stieß.



Er betrat die Kapelle in einer Gruppe von älteren Männern. Die Kühle der Luft, ihr sonderbarer Geruch nach Stein, altem Holz und Weihrauch riefen in ihm augenblicklich Erlebnisse der Kindheit wach. Die Männer nahmen alle in einer Bank Platz. Mit dabei war sein Vater begleitet von einem seiner Freunde. Tonke sah sich weiter um. Hinter ihm die Empore, die Spitzen einer einfachen Orgel waren zu sehen und seitlich Niklaus von Flüe überlebensgroß in einem Fresko. Seitlich dem Chor je ein Altar links und rechts. Vorne der große Altar und das kleine Chorgestühl, in dem er als Ministrant auf den Einsatz gewartet hatte.
Tonke fragte sich, wo er sich hinsetzen solle. Irgendwie waren die Bänke nicht wie sonst. Das lag an einem langen Tisch, den man dazwischen gestellt hatte. Dazu war eine von den Bänken entfernt worden und die Kniebank davor und die Sitzbank dahinter waren auch nicht zu benutzen. Ihm fiel auf, dass der Tisch direkt unter dem Wandgemälde des Niklaus 
von Flüe platziert war. 

Tonke sah in der Reihe vor sich die Vorgängergeneration, die er schon als Jugendlicher und später in politischen Belangen oft als eine geschlossene Front von Gegnern wahrgenommen hatte. Eigentlich wollte er sich nicht zu ihnen setzen. Aber dann sah er, dass neben seinem Vater, an der Wand, noch ein Platz frei war. Wir sehen uns ja so selten, dachte Tonke und begab sich an die freie Stelle. Aber dort, direkt an der Wand, wartete ein anderes Hindernis. Ein Fahrrad ohne Räder hatte jemand da eingeklemmt. Wohl um es vor Diebstahl zu schützen. Alle Knienden standen auf und halfen die Bank zu bewegen. Das Fahrrad wurde befreit. Aber es fand sich niemand, dem es gehörte. Typisch, dachte Tonke, das Fahrrad als individuelles Bewegungsmittel hat bei meiner Vatergeneration wenig Ansehen genossen. Als sich niemand fand, der es wollte, wurde es wieder an die Wand gestellt und die Bank dagegen geschoben. Genau dahin, wo es gesteckt hatte. Tonke musste nach einem andern Platz suchen und es war ihm nicht unrecht, denn er fühlte sich nicht wohl in ihrer Reihe.


Auf dem langen Tisch, der die gewohnte Ordnung durcheinander gebracht hatte, stieß Tonke auf einen drehbaren Kartenständer mit Heiligenbildern. Noch war Zeit, bis die Andacht beginnen würde. Er sah sich die Bildchen an und drehte am Rad. Gegen einen Beitrag in die hölzerne Kasse am Türausgang konnte man sie erwerben. In der Umgangssprache wurden diese Bilder ‚Leidheilige‘ genannt. Nach der christlichen Überlieferung spendeten sie dem Betrachter, der sich an ihr Martyrium erinnerte, Heilung und Trost. Tonkes Blick wurde von speziellen Bildern angezogen, Fotos von Klippenspringern, Farbige, die von Felsen sprangen. Nanu, was machten diese Bilder hier? Er wusste, warum Afrikaner hinuntersprangen. Sie hegten die trügerische Hoffnung, dass eine günstige Welle sie forttrüge. Aber viele von ihnen zerschellten oder ertranken in den Wellen. Neben diesen Bildern stand in fetten Lettern die Warnung gedruckt:

„Dies sind keine Heilige!“

Tonke wunderte sich. Aber dann wurde ihm klar, dass es sich um Afrikaner handelte, die versuchten, auf dem abendländischen Kontinent Fuß zu fassen. Wer hinter der Kampagne stand, konnte er sich denken. Das waren gewiss die Abendländische Union und die mediterranen Staaten, die von der Fluchtwelle besonders betroffen waren. Sie hatten diese Aktion wohl den Kirchen aufgezwungen, um deren Solidarisierung mit den Leidenden und Ausgegrenzten zuvorzukommen.

Als Tonke sich nach vorne zum Chor wandte, bemerkte er, dass er von diesem Standpunkt aus den Altar nicht sehen konnte. Eine Trennwand stand dazwischen und versperrte die Sicht. Auf dieser Absperrung stand in großen Lettern:

„Advokat gesucht“

Er drehte sich wieder zum Fresko des Niklaus von Flüe oder Bruder Klaus, wie die Einheimischen ihn nennen. An der Wand unterhalb des überlebensgroßen Bildes hatten diejenigen, die die Bank durch den Tisch ersetzt hatten, einen blauen Bademantel hängen lassen. Daraus schloss er, dass sie die Umstellung der Kirchenmöbel mit einem Reinigungsritual verbunden hatten.

Als Tonke später die Kapelle verließ, erwartete ihn die Mentorin im Zwischenraum. Sie trug ihm auf, die Bilder der Klippenspringer in seinen Blog aufzunehmen.

Er wehrte sich und sagte. „Die Bilder von den Afrikanern, die an den Ufern des Abendlandes zerschellen, findet man doch wöchentlich in den Zeitungen. Da berichte ich lieber von diesem Erlebnis hier.“

Sie war einverstanden. MLF

Samstag, 5. Januar 2013

139 Fester und leerer Raum


Sein Zimmer war geteilt in einen festen und in einen leeren Bereich.
Tonke bewegte sich durch den Hohlgang, den er selber geschaffen hatte. Von diesem zweigten kleinere Gänge ab, die in einem runden Hohlraum endeten. Wenn er Glück hatte, traf er darin eine ausgewachsene Frau. Er war jetzt auf dem Rückweg durch den von ihm angelegten geräumigen Gang. Bevor es zum Boden der leeren Zimmerhälfte hinunterging, führte ein Weg nach links ab. Er arbeitete sich durch den engen, geschlängelten Gang hindurch bis zum Schluss. Da stand wirklich im aufrechten Ellipsoid des Endpunkts eine beeindruckende Frau. Sie setzte sich nieder, er kauerte im Hohlgang und lauschte, was sie ihm zu berichten hatte. [Geschichte 140 Überblick] Er bedankte sich und kroch zurück zum Hauptgang und durch diesen stieg er die Stufen hinab, die er, um nicht auszurutschen, selber geformt hatte und trat aus dem Loch.
Als er sich nun in der anderen Hälfte des Zimmers wiederfand, kam ihm dieses völlig leer vor. Dabei war das Wohnzimmer, das zugleich auch Schlaf- und Esszimmer war, reich mit Möbeln ausgerüstet. Teppiche bedeckten den Boden, Bilder schmückten die Wände und nicht wenige Bücher standen in zwei geräumigen Regalen. Aber wenn er aus der festen Hälfte herauskam, deren einziger freier Raum die geschaffenen Hohlgänge waren, so überfiel ihn jedesmal das Gefühl einer großen Leere.
Von Freunden und Bekannten kam natürlich immer wieder die Frage. „Was soll das? Warum verschenkst du dein halbes Zimmer? Sie traten an den festen Bereich heran und warfen einen Blick in das dunkle Loch und fragten schaudernd. „Wird dir nicht Angst da drin?“
Er versuchte dann zu erklären. „Jeder Mensch hat so einen Raum neben sich. Das ist das Unsichtbare, das uns begleitet. Nur ist er bei mir sichtbar geworden.“
Doch damit erntete er nur Kopfschütteln. „Nein, gewiss nicht, sowas gibt es nicht bei mir! Niemals würde ich mich durch so ein Ding zwängen. Da würde ich Zustände kriegen!“ Die Reaktionen waren zum Teil so heftig, dass es ihn selber mitriss und seine Ängste von früher wieder wach wurden.
„Hast du denn nicht Angst, dass du da mal nicht mehr hinausfindest?“
Tonke schüttelte den Kopf. Für ihn war dieser feste Raum inzwischen so selbstverständlich geworden, dass er die Argumente dagegen nicht verstand. Sie kamen ihm vor, wie Menschen, die keinen Raum zum Denken haben. Im leeren Raum konnte er nicht wirklich denken. Was er hier dachte, war nur ein Spiel mit Konventionen, Klischees und Trends, die vorgegeben wurden und die er nach belieben sich zu Eigen machte. Aber eigene, schöpferische Gedanken konnten in einem leeren Raum nicht gedeihen. Sie vertrugen die Luftbewegungen nicht, und das Licht wahrscheinlich auch nicht. Er hätte nicht gewusst, wo er seine Gedanken hätte ausbrüten können, wenn er diese dichte Hälfte seines Zimmers nicht gehabt hätte. Für ihn war dieser feste Raum vor allem der Ort, wo er nachdachte.
Er ging so vor, dass er erst einen Hauptgang schuf. Darin legte er die Gedanken, die ihn gerade beschäftigten ab. Er wusste, dass er dabei nicht anders verfuhr als ein Borkenkäfer. Das Weibchen, das einen Gang durch die Borke fraß, wendete und in gleichmäßigen Abständen seine Eier legte. Aus diesen schlüpften dann die Larven. Die fraßen sich im rechten Winkel vom Hauptgang weg, bis sie groß genug waren, sich zu verpuppen. Am Ende schufen sie einen größeren Hohlraum, die sogenannte Puppenwiege. Darin harrten sie der Verwandlung zum Jungkäfer.
Das Gleiche geschah mit Tonkes Gedanken. Sie entwickelten ebenfalls ein Eigenleben und fraßen sich durch die feste, nahrhafte Materie vom Hauptgang weg. Wenn sie ihre Reife erlangten, höhlten sie noch eine wohnliche Rundung aus und warteten darin auf ihre Vollendung. Wenn Tonke es gut traf, konnte er, dem neuen Gang folgend, in der Endkammer den ausgereiften, neuen Gedanken antreffen. Und zwar in Gestalt einer schönen Frau. Sie sprach zu ihm und so erfuhr er einen völlig neuen Aspekt seines Gedankens, auf den er selber nie gekommen wäre.

Er hatte mehrmals versucht, vor einem Publikum über diesen Vorgang zu sprechen, aber er war dabei auf kein Verständnis gestoßen. Wenn er zu dem Punkt kam, dass er am Ende des neuen Gangs im aufrechten Ellipsoid eine Frau antraf, kam es jedesmal zum Eklat.
„Irregeleitetes Wunschdenken!“, war noch milde ausgedrückt. „Pervers, dich sollte man selber einsperren!“, war schon deutlicher. Zuhörer verließen aus Protest den Saal. Den andern versuchte er nahezulegen: „In diesem geschlossenen Raum erscheint ein Gedanke als Frau.“
Aber auch die Reaktionen der Zurückgebliebenen ließen nicht darauf schließen, dass sie ihn verstanden hatten. Er sah es an den Blicken, die alle im Spektrum von Misstrauen bis Mitleid lagen.
Neulich steckte ihm beim Abschied ein Mann die Karte einer Psychotherapeutin zu. „Die ist gut, die hat mir auch geholfen“, sagte er mit besorgter Stimme. Nicht genug, am nächsten Tag rief ihn ein Bekannter an, der an der Lesung teilgenommen hatte. „Unter uns wird gerade eine Wohnung frei“, sagte er. „Die ist toll und supergünstig.“ Und wieder, im gleichen, fürsorglichen Ton: „Ein Wohnungswechsel würde dir gut tun.“
Tja, die Mitmenschen begriffen nicht, dass er diesen festen Raum für eine große Errungenschaft hielt. Zwar schränkte er ihn etwas ein. Aber Tonke war sehr glücklich, dass er nun nicht mehr nur die Leere kannte. MLF

Samstag, 29. Dezember 2012

134 Country of Reason – Leuenbergers Knarre



[Fortsetzung von 132 Country of Reason - Die Pi-Felsen] 
Am Tag des Abschieds von dem alten, halb verfallenen Ort im ‚Country of Reason‘ schob Tonke sein schwer beladenes Fahrrad durch eine der von den brüchigen Häusern gesäumten Straßen. Er hatte seine Tochter vor Augen und dachte, dass sie’s in mancher Hinsicht noch schwerer hatte als er. Aber er freute sich darauf, ihr von der seltsamen Felsformation und den Menschen, die diese hüteten, zu berichten. Er war überzeugt, dass sie sich für seinen Bericht interessieren werde. Ein vertrautes, aber an dieser Stelle ungewöhnliches Geräusch, ließ ihn inne halten. Es war das Spritzen von Wasser, was er vernahm. Zwischen zwei alten Häusern entdeckte er eine schmale Bucht. In immer neuen Wellen spritzte hier Wasser herein. Nähergehend sah er, dass sich von der stetigen Brandung eine dichte Salzkruste gebildet hatte. Es handelte sich um eine Meeresbucht. Also hatte er doch richtig vermutet, dass er sich am Meer befand und nicht im Rheinland. Erst jetzt, durch die zufällige Entdeckung dieser Bucht beim Aufbrechen, hatte er darin Gewissheit erlangt.
Da sein Rad so schwer beladen war, kam ihm der Gedanke, dass er doch besser mit dem Zug fahren würde. Wie sollte er bei dem ganzen Gepäck den weiten Weg zurück schaffen. Vor allem dachte er an die Strecke, die er am Anfang abwärts gefahren war. Sie war ihm kurz erschienen, weil er schnell gefahren war. Nur ein Dachs und eine Hündin mit Welpen hatten seine Fahrt gehemmt. Dieses ganze Stück wieder aufwärts zu strampeln, schien ihm ein Ding der Unmöglichkeit. Besser war es, das Fahrrad zurück zu lassen und die Reise bequem in der Bahn zurückzulegen.
Zu seinem Gepäck gehörten eine große, schwarze Knarre mit drei Rohrläufen und die zugehörige Munition. Die Pi-Menschen hatten sie ihm mitgegeben. Zwar war sie leicht gebaut, nahm aber viel Raum ein. Es war gut gemeint von den Leuten der Gaußpi, die ihm im letzten Moment die Knarre noch in die Hand gedrückt hatten. Aber was sollte er damit anfangen, wenn er wieder zuhause war? Dieses raffinierte Ding, das ihm seine Wohltäter überreicht hatten, war noch gar nicht zum Einsatz gekommen. Das unterste Rohr hatte einen besonders großen Durchmesser und diente zum Schleudern von Pferdeäpfeln, von denen einige als Munition beilagen. Ich könnte doch wenigstens mal diese Funktion ausprobieren und die Pferdeäpfel gegen diese alten Fassaden schleudern, sagte er sich. Wenn die Wände davon einbrachen, dann musste es so sein. Vielleicht vermochte er auf diese Weise, die trägen Bewohner aufzurütteln, ihre Häuser zu erneuern. Doch sein Sinn stand nicht danach einen Konflikt zu wagen, er war vielmehr ganz auf die Abreise gerichtet. Er wollte sich in keine Auseinandersetzung verwickeln, die möglicherweise die Wegfahrt verzögern würde. Über die drei Gewehrläufe hinweg war in weißer Schrift etwas geschrieben. Im Gehen konnte er nicht entziffern, was da drauf stand.
Kurz danach erreichte er einen leicht erhöhten, abgeschlossenen Platz. Dort klappte er den Fahrradständer nach unten, löste das Gewehr aus der Aufhängung und hielt es vor sich hin. Es war die Anschrift eines gewissen Leuenberger, die er da las. Dieser lebte überraschenderweise in der gleichen Stadt und in der gleichen Straße wie er. Sogar die Hausnummer stimmte überein. Leuenberger, Löwenberger, überlegte Tonke. Kenne ich jemanden, der so heißt in unserem Haus. Er konnte sich nicht erinnern, auf einer der Klingeln diesen Namen gelesen zu haben. Vielleicht hatte Leuenberger mal dort gelebt und war längst umgezogen oder sogar schon gestorben. Wie dem auch sei, da er nun mit dem Zug fuhr, konnte er die Knarre sowieso nicht mitnehmen. Man würde ihn damit nicht einsteigen lassen und schon gar nicht konnte er damit im Zug die Grenze passieren.
Tonke nahm sein Fahrrad und stellte es in eine abschüssige Einfahrt, deren Tor zugemauert war. Hier würde es niemanden stören. Wie er den Ständer erneut hinunter klappte, machten die Reifen mit einem Mal pfff, pfff. Aus beiden Schläuchen war die Luft raus, als ahnten sie, dass sie nicht mehr gebraucht wurden. Diese Reaktion seines Rades, welches ihm so lange gedient hatte, stimmte ihn doch nachdenklich. Es war, als wollte es ihm sagen. Wenn du mich nicht mehr brauchst, will ich auch sonst niemandem dienen. Das akzeptierte er. Aber dann sah er erst, welche Menge an Gepäck sich auf seinem Fahrrad angesammelt hatte. Nicht nur die Satteltaschen und der Korb auf dem Packträger, sondern auch der Raum zwischen den Stangen und vorne über dem Licht waren ausgefüllt. Überall hatte er nützliche Gegenstände verstaut, von denen er sich nur ungern trennen mochte. Aber er hatte keine andere Wahl, er konnte unmöglich alles Gepäck zur Bahnstation tragen.
Oder sollte ich doch versuchen, mich auf dem Rad durchzuschlagen?, fragte er sich. Er war hin und her gerissen. Auf der einen Seite stand die schnelle und sichere Fahrt. In diesem Fall musste er die Hälfte des Gepäcks zurücklassen. Auf der anderen Seite die Fortsetzung der Reise im bisherigen Stil. Bei dieser Variante wusste er nicht, wie lange die Reise dauern würde. Nur eines war gewiss, dass es eine anstrengende Tour werden würde.
Es war der erbärmliche Anblick der platten Reifen, der schließlich den Ausschlag gab. So wollte er sein Rad nicht zurücklassen. Also entschied er sich, die Reise auf dem Fahrrad fortzusetzen. Wenn ich den Weg bis hierher bestritten habe, werde ich auch den Rückweg schaffen, sagte er sich. Er holte die Pumpe hervor, kniete sich nieder und füllte erst den einen, dann den andern Reifen. Diese bestärkten seinen Sinneswandel, indem sie die Luft ohne Verlust hielten.
Er schob das Rad vorsichtig aus der abschüssigen Einfahrt wieder hoch, steckte die Knarre wieder in die Halterung und fuhr los.
So sollte es zu einer weiteren Station im ‚Country of Reason‘ kommen.
Er gelangte in einen höher gelegenen Ort. Dort traf er in einer Herberge auf eine Bekannte aus seiner Stadt. Mit dem Ergebnis, dass er mitsamt Gepäck in ihr Auto umsteigen konnte. MLF

Donnerstag, 27. Dezember 2012

133 Land of Reason – Die Pi-Felsen


Auf dem Fahrrad ging es mit Tempo einen abschüssige Straße hinunter. Am Wegrand harrte ein schwarzes Tier, weiß gestreift. Ein Dachs wie sich zeigte. Wenn der mir nur nicht vors Rad rennt, dachte Tonke und verlangsamte die Fahrt. Der Dachs verhielt sich ruhig, er kam ohne Probleme vorbei, aber schwieriger wurde es, als weiter unten eine Sennenhündin – ebenfalls schwarz mit weißem Muster – mit Welpen auf der Straße lag, die sie frisch geworfen hatte. Er hielt an und hinterließ der Hündin zwei seiner Butterbrote, die sie, wie er fand zur Kräftigung brauchte. Unten angekommen sah er Wasser und glaubte - da er ins ‚Land of Reason‘ aufgebrochen war – er sei im Rheinland. Doch zum Wasser hin wellten sich von trockenem Gras bewachsene Dünen. War er am Meer? Er lief durch den Sand, um zu prüfen, ob das Wasser salzig sei. Aber in der Bucht war das Wasser mit modrigen Pflanzen bedeckt, so dass er diesen Test auf später verschob.
Tonke fuhr weiter und gelangte beim Eindunkeln endlich in einen bewohnten Ort. Doch die Gebäude befanden sich in einem so maroden Zustand, dass er zweifelte, ob er hier eine passende Unterkunft für die Nacht finden werde.
Durch laute Stimmen wurde er auf eine Schenke aufmerksam. Es war ein etwas höher gelegenes, mehrstöckiges Gebäude. Vielleicht würde er hier mit jemandem in Kontakt kommen und so einen Übernachtungsplatz finden. Die Gasträume waren groß und gut besucht. Doch es waren misstrauische Einheimische, die kein Interesse an ihm, dem Fremden, zeigten. Sie taxierten ihn ablehnend, wenn sie ihm überhaupt Beachtung schenkten. Die Gaststätte erstreckte sich über drei Stockwerke und war noch mit einem Anbau der Straße gegenüber verbunden. Er ging auf den verschiedenen Ebenen herum, aber überall begegnete man ihm mit der gleichen feindlichen Haltung. Es wurde ihm klar, dass ihm hier niemand helfen würde. Also verließ er das ungastliche Lokal.
Draußen stieß er auf einen umgestürzten Anhänger, der ihm vorher nicht aufgefallen war. Und unter dem Vordach eines isoliert stehenden Schuppens entdeckte er ein teures, massiges Automobil, das aber um ein Drittel zu kurz schien und dadurch sehr bullig wirkte.

Tonke begab sich auf die geneigte Straße zum Ortskern hin. Es war noch ein Rest von Helligkeit am Himmel. Vielleicht hatte er ja Glück und würde eine Herberge finden. Obwohl die Sorge um das Nachtlager jetzt akut war, ließ er sich von diesen alten Bauten doch auch faszinieren. Wann sah man schon eine solche Zerrüttung. Es war ihm ein Rätsel, wie man in Häusern leben konnte, an denen ganz offensichtlich seit Urzeit kein Handschlag mehr getan worden war. Auf einer Erhebung sah er vier miteinander verbundene Gebäude, von denen, wie er glaubte, die mittleren eingestürzt wären, wenn sie nicht von den solideren Nachbargebäuden gehalten worden wären.
Plötzlich kam ihm mit zackigem Schritt eine junge Frau entgegen. Abrupt bog sie vor ihm ab und entfernte sich nach rechts hin zu Felsen, die dort zwischen den Gebäuden sichtbar wurden. Ihr Auftritt hatte etwas Aufreizendes an sich. Als hätte sie ihn auf sich aufmerksam machen wollen. Er konnte sich gar nicht erklären, woher sie so unvermittelt gekommen war. Doch dann sah er, näher an ein massiges Gebäude tretend, einen Durchgang durch dieses. Es war ein Gang von mindestens zwanzig Metern Länge. Am andern Ende schien Helligkeit auf. Aus dieser Passage heraus musste die junge Frau gekommen sein und war zufällig auf ihn gestoßen. Er hob sich diesen Durchgang für später auf und folgte der Richtung, in die die junge Frau verschwunden war.
Tonke hatte nicht weit zu gehen, da stieß er auf die Felsen, die er von vorne gesehen hatte. Eine hohe Felswand erhob sich vor ihm und zog sich in leichtem Bogen ein Stück weit durch den Ort. Wenn sie nicht aus karstigem Fels bestanden hätte, würde er sie für den Überrest einer alten Stadtmauer gehalten haben. Die Neugier war so stark, dass er die schroffe Felswand hinaufkletterte, bis er oben die Arme über den scharfen Grat legen und sich so sichern konnte. Er traute seinen Augen nicht – dahinter war noch ein Grat. Zwei parallele, dünne Felsgrate zogen sich sanft gebogen durch diesen alten Ort. Er konnte es deutlich sehen, weil es hier oben heller war als unten. Obwohl die runde Form der Felsen gut sichtbar war, kam ihm der entscheidende Gedanke noch nicht. Er sah, dass innen, zwischen den Graten ein Weg entlang lief und dass sogar archäologische Ausgrabungen gemacht worden waren. Schaukästen säumten in regelmäßigen Abständen den Weg. Von seinem Augpunkt aus gesehen wirkten sie wie Pflanzbeete. Jetzt, das sein Forschertrieb befriedigt war, befiel ihn plötzlich der Schwindel. Er hörte, wie das Blut in seinen Adern pochte. Wie hatte er sich nur so leichtfertig an so einen exponierten Ort begeben können. Der Abstieg würde äußerst schwierig werden. Wenige Meter von ihm entfernt, brachen die Grate ab. Dort war der Aufstieg, über den man zwischen die Grate gelangte. Es sah die junge Frau wieder. Sie stieg dort ohne Mühe hoch. So kam er auf die Idee, statt des gefährlichen Abstiegs sich am Grat entlang zu hangeln bis zum Ende der Felsformation. Mit einigen Schrunden, aber mit weniger Mühe als befürchtet, gelangte er schließlich auf den sicheren Weg.
Er ging nun zwischen die Felsgrate und hoffte die junge Frau zu treffen. Ein Mann und eine Frau stellten sich neben ihn und unterhielten sich, als gehörte er seit jeher zu ihnen. Ihm widerfuhr hier das glatte Gegenteil der Behandlung, die er in der Gaststätte hatte hinnehmen müssen. Er war nach der abweisenden Haltung der Männer in der Dorfschenke so verwundert, dass er seinen Mund nicht aufbekam und einfach nur stehen blieb. Da dachte er wieder an die Form dieser Felsen und langsam wurde ihm bewusst, dass er es hier mit Vertretern des Volkes der Gaußpi zu tun hatte. Dann trat auch noch die junge Frau zu ihnen. Sie sagte in der gleichen, Aufsehen erregenden Art, wie sie auf ihn zugelaufen war. „Lasst uns jetzt gemeinsam Brot backen.“
Tonke folgte ihnen. Und so löste sich das Problem mit dem Nachtquartier wie von selbst. MLF