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Montag, 11. Juni 2012

64 Schiffdeck in Eiform

Nachdem man seine Wohnung versiegelt und das Schloss getauscht hatte, verdingte sich Toni als Schiffsangestellter. Er hatte den ganzen Tag Dielen geschruppt und die Reling poliert – obwohl kaum Gäste kamen.
„Was soll das, wenn doch niemand kommt?“, hielt er dem Adjutanten vor.
Der Kapitän trat hinzu, ein ruhiger Mann mit Pfeife. „Bereit sein ist alles!“, bemerkte er.
Halb tot von der Arbeit und vor Enttäuschung, legte Toni sich spätabends auf das schmale Kajütenbett, das man ihm angewiesen hatte. Nachts sehnte er sich nach seiner Geliebten, die ihm dreiundneunzig Tage lang Gesellschaft geleistet und ihm jede Nacht eine Geschichte erzählt hatte. Er verfluchte das Schiff und sein Schicksal.
Im Halbdunkel bewegte sich jemand.
„Wer ist da?“, rief er laut. Er sah einen Matrosen im blauen Jackett mit weißer Mütze. Toni setzte sich auf und winkte dem Burschen. Wie der näher kam, stockte ihm der Atem. Eine Matrosin? Als sie noch näher kam, wurde ihm plötzlich klar, wer sich in seine Kajüte geschlichen hatte.
„Mili, wie hast du das geschafft?“
Langsam zog sie sich aus. Dann legte sie sich zu ihm auf das schmale Bett – und alles, was er erlitten hatte, war vergessen. So schön war es noch nie gewesen. Nur aufrichten konnte sie sich nicht in dem Bett. Also setzte sie sich auf den einzigen Stuhl, steckte ihre Füße unter seine Decke und fing an zu erzählen wie Kermit … AS

Mit dem Rücken gegen die Brüstung gelehnt saß er da und versuchte Ordnung in seine Noten zu kriegen. Er hatte große Mühe sich zu konzentrieren. Als spürte sie, dass er zerstreut war, kam Henriette her und neckte ihn. Sie griff nach einem seiner Blätter, trat zwei Schritte zurück und tat so, als würde sie vom Blatt singen. Dabei ließ sie einzelne hohe Töne erklingen, die nicht mal so schlecht klangen. Henriette war ein süßes, etwas aufdringliches Mädchen, für das er gelegentlich zu sorgen hatte. Kermit wartete, bis sie ihm das Blatt zurückgab. Dann steckte er die Noten in die Tasche und bot ihr an, mit ihr zu spielen.
„Schere, Stein, Papier“ – ihr Lieblingsspiel – schlug sie vor.
Er war einverstanden. Henriette setzte sich im Schneidersitz ihm gegenüber und zeigte die Faust (Stein), während er Zeige- und Mittelfinger spreizte (Schere). Der erste Punkt war für sie.
Immer wieder sagte er sich, das Mädchen ist so, weil ich zu oft über meinen Noten sitze und ihr zu wenig Aufmerksamkeit schenke. Das war natürlich Unsinn. Sauerstoffmangel bei der Geburt hatte zu ihrer leichten Behinderung geführt.
Nach einer Weile war das Mädchen des Spiels überdrüssig – eigentlich war sie schon eine junge Frau – sie sprang davon. Weil die Fläche von einer Brüstung – genauer, einer Reling – umfasst war, brauchte er sich keine Sorgen um sie zu machen.
Auf das Bild von den Vögeln und den Schlangen hin, hatte Tristan ihm geraten, von einer Erwerbsarbeit abzusehen. Als Leiter der Truppe bot er ihm an, bei ihnen aufzutreten, verlangte aber, dass er sich davor im Vortrag seiner Kompositionen übe. Kermit hatte schon viel komponiert – hauptsächlich für die Querflöte –  aber war noch kaum je vor Publikum aufgetreten. Deshalb hatte ihn Tristan auf das Schiff begleitet.
Der Seegang war so ruhig, dass er vergaß, dass er unterwegs war. Erst im Moment des Anlegens kam ihm wieder zu Bewusstsein, dass er auf der Reise war und er am Ziel angekommen war. Er geriet in große Unruhe. Wo habe ich mein Gepäck abgelegt? Wo ist mein zweites Paar Schuhe? Wo habe ich meine Jacke aufgehängt? Beim Betreten des Schiffs hatte er sich auf eine Bank gesetzt und das Gepäck darunter geschoben. Später hatte er im Restaurant einen Kaffee getrunken und sich dann im vorderen Teil des Schiffes auf den Boden gesetzt, ans Schiffsgeländer und hatte an seinen Noten gefeilt. Bis das Mädchen kam und ihn störte. Er rannte hin und her, im Gefühl, dass ihm noch einiges fehlte. Beim Landen hatte sich das Deck schräg geneigt, die Spitzte des Schiffes ragte nach oben. Spitze war falsch gesagt, weil das Deck eine ovale Form hatte. Oben war die schmälere Rundung, unten die breitere. Das erkannte er, obwohl es zu groß war, um es zu überblicken und weil sich zu viele Leute darauf aufhielten. Die Ei-Form vermittelte ihm das Gefühl des Eingeschlossenseins, er spürte, dass es hier um seine materielle Existenz ging. Dass das Schiff schräg stand, erhöhte die Verunsicherung.
Wie weitläufig das Schiff war, fiel ihm erst auf, als er aufhörte, die immer gleichen Stellen nach seinen Habseligkeiten abzusuchen und stattdessen das Deck erkundete. Unten stieß er auf einen Bereich, der für Konzerte vorbereitet war. Die rechte Hälfte nahmen Notenständer, Vortragspulte, Stühle und Leselampen ein. Das erinnerte ihn daran, dass er Tristan versprochen hatte, sich im Vortrag zu üben. Sich umsehend, fiel ihm die Musiklehrerin Lore auf. Sie ging herum und ermunterte zum Auftritt. Ihre zupackende Art flößte ihm Mut ein. Doch als er sie von Kindern reden hörte, nahm er Abstand. Für ein Kinderprogramm fühlte er sich dann doch zu gut. Er wollte seine eigenen Kompositionen spielen und nicht Kinderlieder dudeln.
Ohne ein Stück gespielt zu haben, verließ er das Schiff. Als er Kampermann wieder traf, fragte ihn dieser als erstes.
„Und, hat es geklappt mit dem Auftritt?“
Kermit schüttelte betrübt den Kopf. „Lore war da. Aber sie hat nach Teilnehmern für ein Kinderprogramm gesucht.“
Tristans Gesicht wurde hart. „Sie hat gewiss deine Kompositionen gemeint. Das sind doch deine Kinder.“ MLF

Mittwoch, 6. Juni 2012

62 Vögel und Schlangen

Um die Mittagzeit war Toni mit Mili auf dem Motorrad unterwegs. Sie waren noch nicht weit gekommen, als plötzlich die Maschine stehen blieb. Was er auch versuchte, es gelang ihm nicht, sie wieder zu starten. Mit ziemlicher Mühe schob er das schwere Ding nachhause in den Hof zurück. Im Kasten steckte der Brief vom Kunstförderverein.
Wir bedauern Ihnen sagen zu müssen, dass die Jury dem Förderantrag nicht zugestimmt hat.‘
Er hatte das Gefühl, das Selbstverständlichste der Welt zu lesen. Welche Gesellschaft möchte das rein private Vergnügen zweier Liebender unterstützen? Er schämte sich geradezu, dass er überhaupt auf die Idee gekommen war, den Verein anzuschreiben. Andererseits hielt er Mili für ein solch ungewöhnliches Wesen und ihre Geschichten hatten für ihn eine so große Bedeutung, dass er es durchaus als Geschenk ansah, was er der Leserschaft anbot. Nur der pure Neid – weil er mit einem solch außergewöhnlichen Wesen zusammen war – hatte die Jury bewogen, ihn auszuschließen. So oder so, er musste jetzt einen Job annehmen.
Installateur kam nicht in Frage, diesen Job konnte er nur in Vollzeit ausüben. Aber in einem anderen Bereich, wie Regale einräumen, Küchendienst, Müllabfuhr würde sich schon eine Arbeit finden, bei dem er genug zum Überleben verdienen würde.
Als Mili nachts zu ihm kam, teilte er ihr den Entschluss zu arbeiten mit. Im Halbdunkel war schwer zu beurteilen, wie sie die Meldung entgegennahm. Zur Sicherheit rechtfertigte er sein Vorhaben. „Leider brauche ich was zu essen und ich möchte eigentlich auch dieses Bett nicht verlieren, erklärte er und machte den Vorschlag. „Was hältst du davon, dass du jetzt nur jede zweite Nacht eine Geschichte erzählst?“
Er spürte förmlich, wie sie erstarrte. Mili ging nicht auf ihn zu. Toni war es fast lieber so, dann wurde er nicht so aufgewühlt. Sie lagen unbeweglich nebeneinander. Aber er hatte kein gutes Gefühl dabei. Schließlich richtete sie sich auf und erzählte ihm die Geschichte von den Vögeln und den Schlangen. AS

Als er in sein Zimmer kam, sah er auf der rechten Seite des Sofas einen Ring aus schwarz glänzenden Schlagen. Im Zentrum des Rings befand sich ein etwa eine Spanne weites, rundes Loch. Erst dachte Kermit, es seien Nattern, aber ihm wurde schnell bewusst, dass diese Schlangen viel dicker waren. Nicht fingerdick, sondern armdick waren sie. Wie sie da zu mehreren so glücklich vereint beieinander langen, schienen sie sich sehr wohl zu fühlen. Ihre feucht-glänzende Schwärze schien ihm ein Ausdruck ihrer strotzenden Zufriedenheit. Nur eine gute Spanne entfernt, zur Mitte des Sofas hin, hielten sich ein paar Vögel auf. Im Gegenlicht konnte er nicht erkennen, welche Art es war. Von der Größe her konnten es Drosseln sein, aber sie waren nicht so dunkel gefärbt. Aufgrund einer Bemerkung, die ein Freund später machte, kam ihm dann die Vermutung, dass es womöglich kleine Tauben gewesen sein konnten. Er verstand nicht, was die Vögel bei den Schlangen suchten. Wie zwei so verschiedene Tierarten sich einen Platz nah beieinander teilten, wollte ihm nicht in den Kopf. Imelda stand auch im Raum. Sie verhielt sich ruhig und sagte nichts. Wie er, beobachtete auch sie die Tiere. Kermit schlich sich davon in sein Arbeitszimmer, um den Fotoapparat zu holen, aber als er zurückkam, waren die Tiere verschwunden.

Er traf die Schauspieler nur noch sporadisch. Nach dem Misserfolg in Freiburg, hatte er wieder zu arbeiten begonnen. Es blieb ihm nur wenig Zeit mit den Künstlern zu sein. Nach dem Erlebnis am Morgen zog es ihn zur Gruppe. Er wartete am Abend bis sie ihre Vorstellung beendet hatten und schloss sich ihnen beim Besuch in der Gaststätte an.
„Wie war die Vorstellung?“, fragte er in die Gruppe.
Sie sprachen von ihren Versprechern, ärgerten sich und lachten gleichzeitig.
„Bestimmt hat das Publikum eure Fehltritte nicht bemerkt“, warf er ein „und wenn doch, hat es sich bestimmt darüber amüsiert.“ Dann berichtete er sein Erlebnis.
„Heute Mittag, als ich von meinem Lagerjob zurückkam, habe ich auf dem Sofa Schlangen gesehen. Sie haben sich in einem Ring um ein Loch in der Sitzfläche getummelt. Nicht weit von ihnen haben sich Vögel aufgehalten. Seither mache ich mir Gedanken, wie es kommt, dass sich Vögel zu Schlangen gesellen. 
Tristan sah ihn verblüfft an. Nach einer Weile sagte er. „Merkwürdig, das erinnert mich an die Geschichte eines Persers, der in den Niederlanden lebt. Ich lese gerade sein Buch ‚Die geheime Schrift‘. Das Buch handelt von den politischen und kulturellen Veränderungen seines Landes, dem traditionellen Persien, der Ära des älteren und des jüngeren Schahs und von der Machtergreifung der Geistlichen. Er schreibt da von einem Brunnen, der eine wichtige Bedeutung einnimmt bei diesen Ereignissen – Wartet…“
Tristan bückte sich, hob seinen Rucksack und zog ein Buch heraus, mit merkwürdigen Zeichen auf dem Cover, die an die Keilschrift erinnerten. Er blätterte eine Weile und las dann:
‘Die Zeit des heiligen Brunnens ist ebenfalls vorbei… Der Brunnen ist leer. Die Wildtauben fliegen hinein, um ihre Eier in den Nischen auszubrüten. Giftschlangen verstecken sich hinter den Felsen und warten geduldig ab. Sobald die Vögel ausgeflogen sind, kriechen die Schlangen in den Brunnen und fressen die Eier auf. Die Vögel, die bei ihrer Rückkehr die leeren Nester vorfinden, weinen über dem Brunnen.
„Ist ja wunderlich“, rief Kermit aus. „Wann hast du das gelesen?“
„Heute in der Mittagspause“, gab Tristan zur Antwort.
Kermit schüttelte den Kopf. „Unbegreiflich was es für Zusammentreffen gibt.“ Dann nickte er. „Aber diese Bemerkung hilft mir weiter, ich danke dir.“
„Aus der Beobachtung des Persers schließe ich, dass die Vögel auf meinem Sofa keinesfalls in Symbiose mit den Schlangen leben, wie ich als Möglichkeit auch in Betracht gezogen habe. Mir scheint jetzt eher, sie kommen nicht mehr an ihre Nester ran.“
Er sah in die Gruppe und sagte: „Ich habe irgendwie das Gefühl, dass das alles mit dem verfluchten Job zu tun hat, den ich seit neustem ausübe.“ MLF

Dienstag, 22. Mai 2012

54 Ans Basket-Brett gelehnt

Mitten in der Nacht wachte er auf. Im Halbdunkel erkannte er Mili. Toni zog sie an sich. Sie vereinigten sich in der Liebe. Anschließend erzählte sie ihre Geschichte. AS

Die Requisiten, die während der Stücke zum Einsatz kamen, waren auf dem einen Wagen gestapelt, das Bett, die farbigen Teppiche und Tücher lagen auf dem anderen. Mit diesen beiden Anhängern im Schlepptau fuhr er nach Freiburg, um beim dortigen Künstlerverband um Unterstützung für Tristan Kampermann und seine Truppe zu werben.
Kermit sprach in der Gruppe für niedrige Preise. Vor allem wenn Kinder zur Aufführung kamen oder ihre Eltern. Tristan blieb hart. „Eltern kriegen Kindergeld. Sowas wie Künstlergeld dagegen gibt es nicht.“
Gibt es wohl, konterte Kermit. Künstler werden gesponsert. Sie müssen nur einen Antrag stellen.
Tristans Gesicht wirkte noch etwas flacher als es sonst schon war. Womöglich hatte er selber schon mehrmals versucht, eine Förderung zu bekommen. „Nur zu, ich werde dich nicht hindern“, sagte Kampermann mit emotionsloser Stimme. Er nannte ihm ein Wochenende, an dem sie nicht spielten. Worauf sich Kermit für diese Tage bei der Freiburger Künstlerförderung anmeldete.

Als er am frühen Abend auf dem im Hand-out beschriebenen Platz in Freiburg ankam, die Wagen abstellte und zum Sekretariat ging, befand er sich vor dem Jugendhaus Weißenburg. Obwohl es Freitagabend war, war das Jugendhaus leer. Ein Mann Mitte vierzig mit kurzgeschorenen Haaren und schwarzer, glatter Lederhose kam und schloss auf. Als Kermit ihm folgen wollte, bemerkte er barsch. „Wir öffnen erst um neunzehn Uhr.“
„Das Sekretariat des Künstlerverbandes?“, fragte Kermit schnell.
Ein prüfender Blick traf ihn. Dann wies der Mann zu einer Tür im ersten Stock, zu der eine Außentreppe führte.
Kermit bedankte sich. Er stieg die Stahltreppe hoch und sah sich vom Gitterrost aus um. Er entdeckte ein kleines Schild und eine Klingel. Auf sein Drücken hörte er eine freundliche Stimme. „Ich komme!“
Die Türe öffnete sich und eine hübsche Frau um die dreißig hieß ihn willkommen. „Sie sind gewiss …“
Kermit nickte.
Um einem eventuellen Missverständnis vorzubeugen, fragte er. „Denken Sie, dass ich überhaupt einen Antrag stellen kann? Dies ist ja ein Jugendhaus.“
„Unsere Förderung ist altersunabhängig“, sagte die Sekretärin mit ruhiger Stimme. Sie bot ihm einen Platz an und fragte ihn, ob er etwas trinken möchte.
Mit einem Glas Wasser in der Hand beschrieb Kermit das künstlerische Projekt der Gruppe. Ein Mann und eine Frau lieben sich im Bett. Je nach Publikum nur angedeutet oder konkret. Dann entfaltet sich das eigentliche Spiel, bei dem die Frau als Erzählerin mitspielt. Er trat ans Fenster und wies auf die Wagen auf dem angrenzenden Platz. „Der eine enthält das Bett, die Teppiche und die Vorhänge“, erklärte er, „der andere die Requisiten zu den Geschichten.“
„Schön, wir werden ihre Bewerbung prüfen“, sagte sie Sekretärin. „Verbringen Sie einen Abend in der Stadt. Morgen früh können Sie wieder fahren. Wir melden uns dann bei Ihnen.“
„Darf ich fragen, bis wann wir Bescheid bekommen werden?“
„Das wird wohl eine Weile dauern. Wir haben viele Anwärter – wie Sie sich denken können.“ Dann riet sie ihm, er solle seinen Wagen nach der Prüfung genau anschauen, er werde ein Zeichen finden, das ihm verrate, ob die Prüfer angetan waren oder nicht. Von diesem Zeichen solle er sich leiten lassen. „Das ist mein Tipp“, betonte sie und reichte ihm zum Abschied die Hand.
Eine Gruppe von Jugendlichen stand vor dem Jugendhaus Weißenburg. Drinnen war wenig Betrieb. Der Mann, der ihn so unfreundlich empfangen hatte, stand hinter der Theke. Vermutlich ein Angestellter der Stadt. Drei Jugendliche saßen an einem Tisch. Sonst sah er niemanden.

Kermit übernachtete bei Freunden von Tristan Kampermann im Zentrum Freiburgs. Vom Fenster seines Zimmers sah er direkt auf den Marktplatz. Schon am frühen Morgen herrschte ein großes Gedränge auf dem Platz. Durch eine Baustelle war der Zugang verengt und ein Teil des Platzes war gesperrt. Entsprechend verdichtete sich der Besucherstrom wie das Blut in einer verstopften Arterie.
Beim Frühstück sprach Kermit zu seinen Gastgebern vom Tipp, den ihm die Sekretärin gegeben hatte, nach einem Zeichen Ausschau zu halten. Das stimmte sie neugierig und sie begleiteten ihn zu seinen Wagen. Er musste sich selber erst umschauen. Die Wagen standen nicht da, wo er sie abgestellt hatte. „Sie haben sie nach dort drüben bewegt“, sagte er und wies auf die Wagen, die jetzt deutlich höher geladen waren. „Anscheinend hat man sie abgeladen und neu aufgestapelt.“
„Das ist ja ein gutes Zeichen“, meinte der Gastgeber. „Das heißt, sie haben sich die Requisiten auch wirklich angeschaut.“
Kermit schwieg. Was für eine Menge Zeug er geladen hatte, wurde ihm erst jetzt bewusst, nachdem die Prüfer in ungeschickter Weise alles wieder aufeinander getürmt hatten.
Kermit verglich die Ladungen mit denen, die er sie gestern hingestellt hatte, wie man Rätsel-Bilder vergleicht.
„Als erstes fällt mir auf, dass sie die Wagen auseinander gestellt haben. Das Vorspiel und das Stück scheinen ihnen nicht nah genug beieinander zu liegen.“
„Das kann ja auch positiv sein, dass sie verschieden sind und die Aufführung vielseitig machen. Und sonst?“
„Sie sind ziemlich wackelig aufeinander getürmt. Das sagt, dass es zu viele Szenen sind und ihr Zusammenhang nicht stringent genug ist.“
„Sei nicht so streng mit dir“, beruhigten ihn die beiden.  
Erst als Kermit auf den Wagen kletterte, um die Requisiten zu befestigen, fand er – wie ihm schien – das eindeutige Zeichen, von dem die Sekretärin gesprochen hatte. Die Gegenstände lehnten oben gegen das Anschlagbrett eines Basketball-Netzes. Dadurch hing der Korb direkt neben seinen Requisiten. Konnte es ein deutlicheres Zeichen geben. Er behielt diese Entdeckung für sich. – Noch etwas fiel ihm auf von oben. Beim Wagen mit der Ausstattung des Vorspiels hatten sie alle grellen Tücher nach oben gelegt.
Nachdem er die Wagen hintereinander an sein Fahrzeug angehängt hatte, bedankte er sich bei den Freunden.
Was er meine, wie die Prüfung ausgefallen sei, fragten sie ihn beim Abschied.
Er wies auf die grellen Stoffe und sagte, dass er dies für kein gutes Omen halte.
Die Gastgeberin war anderer Meinung. Ihr gefielen die leuchtenden Stoffe.
Auf der Heimfahrt hatte er kein gutes Gefühl. Er warf sich vor, der Gruppe mit dieser Fahrt unnötige Kosten bereitet zu haben. Der Korb direkt neben den Requisiten, das war eindeutig. MLF

Montag, 7. Mai 2012

46 Die Chinesische Karte

Toni wird eine Augenmaske gereicht. Man rät ihm, den Schutz nicht abzulegen, bis er aufwacht. Aber er fürchtet Mili zu verpassen. Also hebt er den schwarzen Stoff leicht an und spickelt. Er sieht an den Wänden komplizierte Pläne, die ihn verwirren. Wo bin ich da nur gelandet?, fragt er sich und schließt reflexartig die Augen. Er glaubt sich verloren. Doch dann spürt er Milis Hand. Als er die Augen öffnet, liegt sie neben ihm. Glücklich sie wiedergefunden zu haben, wendet er sich ihr zu. Aber die Verunsicherung ist geblieben. Ihre Vereinigung ist nicht so glücklich wie sonst. Selbst in Milis Geschichte überwiegen die Elemente, die ihn befremden gegenüber denen, die ihn unterhalten. AS

Die nächste Station nach Römersdorf ist der Schulort. Die Gruppe hält auf der Gemeinde-Fläche am Stadtrand und richtet ihre Schaubühne ein. Im Mittelpunkt steht eine Sängerin, die überraschend einen Preis gewonnen hat. Am nächsten Tag drängt es Kermit in die Stadt. Er leiht sich ein Fahrrad. Bis zum Zentrum schiebt er sein Rad, da ihn einer aus der Gruppe begleitet. Dort seilt sich sein Begleiter ab. Dieser ist der eigentliche Kämpfer der Gruppe. Er verhandelt mit den Gemeinden und den Schulen und ringt darum, dass nicht nur die Unkosten beglichen werden, sondern dass auch für die Schauspieler und die Helfer etwas abfällt.
„Übertreibst du’s nicht etwas?“, fragt Kermit.
„Wie meinst du?“, sagt der Flachgesichtige emotionslos.
„Die Truppe könnte doch, wenn es für einen guten Zweck ist, um die halbe Gage spielen.“
„Wir könnten immer umsonst spielen. Es gibt genug gute Einrichtungen, die sich von Künstlern unterstützen lassen möchten. Kein Problem“, antwortet er mit weiterhin gleichförmiger Stimme und fügt hinzu. „‚Kunst funktioniert doch nur, wenn sie Spaß macht‘, hör ich immer wieder. Deshalb sollen wir umsonst auftreten. Aber irgendwann macht es eben keinen Spaß mehr.“
„So mein ich es ja nicht.“
„Du vielleicht nicht. – Die Sängerin hat einen Preis gewonnen. Sofort kamen Anfragen, ob wir aus diesem Anlass umsonst spielten. Soll ich sie fragen, ob sie das Geld unserer Gruppe gibt? Dann könnten wir die Vorstellungen frei geben. Ich weiß aber zufällig, dass sie Schulden hat. Von Zeiten her, da wir zu wenig Zuschauer hatten. Ich habe ihr gesagt, nutze dein Geld für dich. Wer uns schätzt, wird für unsere Darbietungen gerne etwas ausgeben. Wie er für Essen, Zigaretten und fürs Auto – wenn er eins hat – auch Geld ausgibt.“
Kermit bleibt misstrauisch. Dieser Kassierer ist undurchschaubar. Er hat den Verdacht, dass er einen Teil des Geldes für sich abzweigt. Wie könnte er sonst in die Stadt gehen und sich ins Café zu den Literaten setzen?
Sie verabschieden sich. Ab sechzehn Uhr sei Kinderprogramm. Ab neunzehn Uhr Einlass für die Abendveranstaltung, erinnert ihn der Flachgesichtige. Bis dahin werde er längst zurück sein, ruft Kermit und schwingt sich aufs Rad. Er ahnt nicht, wo er hingeraten wird und dass er einem weiteren Geheimnis auf die Spur kommt.
Durch den Stadtgarten, der sich außerhalb der alten Festungsmauer entlang zieht, gelangt er schließlich zur gegenüberliegenden Seite der Stadt. Das Ziegelrot der Mauer sieht er zwar, aber er denkt sich nichts dabei. Ziemlich genau gegenüber zum Auftrittsort liegt die Badeanstalt. Hier begegnet er einem Bekannten, Othmar – der weiß, was er hat. Othmar kommt mit Fahrrad von der Mürge, ihrem Wohnviertel herab, das Kind im Sitz auf dem Gepäckträger. Wo ist seine Frau?, fragt sich Kermit. Er weiß dass es die beiden nicht immer leicht haben zusammen. Wenig später stößt seine Frau dazu. Sie drückt den Fuß zum Bremsen auf den Boden. Augenscheinlich befinden sie sich auf dem Weg in die Badeanstalt.
 „Komm doch mit uns“, laden sie ihn ein.
„Wir haben ein Picknick dabei. Das reicht für dich mit. So ein schöner Tag ist ideal zum Baden.“
Kermit schaut die drei an. Sie sind luftig gekleidet, alle in kurzen Hosen und doch gepflegt – wie immer. Er denkt, vielleicht hätten sie gerne etwas Ablenkung, um nicht so aufeinander fixiert zu sein. Und dann denkt er an die Truppe. Für manche wäre ein Besuch in der Badeanstalt dringlich, aber sie kommen nicht nach hier drüben, denkt er. Behält es aber für sich. Stattdessen erklärt er, dass er die Stadt erkunden möchte. Weil er nur selten hier sei und erst durch den Stadtgarten gefahren sei.
„Kommt doch zu unserer Aufführung“, entfährt ihm. Aber da sieht er das Kind und erinnert sich, wie sehr sie auf Familie machen. Sie winken ihm und fahren weiter.

Kermit kehrt um, lenkt jetzt in Richtung des Zentrums. Fast träumend gleitet er an den vielen Fußgängern vorbei. So gelangt er zum Eingangsgebäude. Durch dessen Mitte führt ein breites Tor. Zweispurig mündet die Straße in die Innenstadt. Dieses große Gebäude und die daran angegliederten, sind von der gleichen Farbe wie das Fundament jenes Gebäudes, das er im Küstenwald erkundet hat [30, Tönernes Gebäude]. Das macht ihn neugierig. Er steigt ab, nimmt einen Stock, klopft dagegen. Erst unten, dann so hoch er mit dem Stecken langen kann. Ohne Zweifel, dieselbe Bauart, gegossene, gebrannte Wände, die hohl sind. Die Bürgerhäuser, selbst die Kirche, alle Gebäude aus dem gleichen Material.
Im Innern der Stadt gerät er seitlich auf einen schmalen Weg in einen einsamen Garten. Ein seltsames Gefühl überkommt ihn, wie wenn man in einem Klostergarten Gebete hört, die sich seit tausend Jahren nicht geändert haben. Aber dieser Raum hier ist kein kirchlicher. Trotzdem fühlt er sich in eine andere Welt versetzt. Ihm kommt er vor, wie das versteckte Pendant zum Stadtgarten, in das er zufällig geraten ist. Neben ihm drängt sich ein schwarzer Wagen. Der bleibt auf seiner Höhe und überholt nicht. MLF

Kermit steigt ab. Der Fahrer hält auch und steigt aus. Ein sehniger Herr, dunkle Hose, schwarzes Hemd, die Schläfen meliert. Wahrscheinlich der Stadtplaner, denkt Kermit. Er kommt auf ihn zu.
„Darf ich Ihnen die Zeitung zeigen?“ fragt er ihn.
Kermit vermutet, dass er ihn bei den Fahrenden gesehen hat und ihm einen Artikel über die Truppe zeigen will. Der Planer führt ihn zu einem Tisch, der aus einem großen Mühlstein zu bestehen scheint. Der Sonnenstand hat sich verändert. Das Licht fällt durch die Bäume. Es herrscht eine ähnliche Stimmung wie damals im Küstenwald. Als er sich über den Tisch beugt und auf die vermeintliche Zeitung sieht, blickt er auf eine reliefartige Karte (oder ist es ein Plan?) wie die kryptischen Kalender der alten Völker. Er besteht aus demselben Ziegelton wie die hohlen Gebäude. Seine Augen geraten in ein Labyrinth von Wegen und Bögen. Ihm ist, als würde er hinein gesogen. Je länger er drauf blickt, umso weniger findet er sich zurecht. Es scheinen mehrere Pläne ineinander verschachtelt zu sein. Er weiß nicht, um was es sich handelt. Der Planer hat eine Nadel in der Hand und weist mit der Spitze in die Tiefe des Reliefs auf eine bestimmte Stelle. Kermit kann nur einen winzigen Strich erkennen. Der Führer spricht jetzt nicht mehr von einer Zeitung, sondern von einer Karte – einer chinesischen. Eine, die nicht nur den Ort, sondern auch die Zeit miteinbezieht – so fasst es Kermit auf. Der gezeigte Strich steht für die Stelle, an der er sich befindet, vermutet er, beziehungsweise für das, was er geschaffen hat. Wie ein Nichts kommt ihm das Gezeigte vor. Das dumpfe Rotbraun verleitet ihn zu dem Gedanken, dass der Plan die Geschicke der Stadt darstellen könnte. Von denen er ein verschwindender Teil zu sein scheint. Wie damals im Küstenwald sind auch jetzt seine Empfindungen gemischt. Einerseits fühlt er sich erhöht, weil man ihn auf diese gewiss sehr bedeutende Karte aufmerksam gemacht hat. Andererseits überträgt sich die Skepsis, die er den hohlen Gebäuden entgegenbringt, auch auf die Karte. Er wird den Eindruck nicht los, dass da ein doppeltes Spiel getrieben wird, von dem er nur die eine Seite zu sehen in der Lage ist.
Als er sich verabschiedet, ist es im Garten schon dunkel. Der Planer bietet ihm an, ihn zurückzufahren. Da Kermit seinem Fahrrad-Licht misstraut, nimmt er dankend an. MLF

Donnerstag, 3. Mai 2012

44 Selfmademan in Römersdorf j

Den Knaben, so wohlerzogen er sie einschätzt, scheint die Warterei auch zu lange zu dauern. Er hört die Schnallen ihrer Gurten klacken und sie tauchen aus der Versenkung in der Wand auf. Erst jetzt fällt ihm ins Auge, wie extravagant sie gekleidet sind. Was ihnen an ungehemmter Bewegung und natürlichem Spielverhalten fehlt, machen sie durch tolle, wenn auch nicht gerade kindergerechte Kleidung wett. Beide stecken in Anzügen. Aber die Jacketts offen und keine Krawatten. Der Ältere bleibt mitten im Raum stehen und schaut naserümpfend über ihn weg. Da fällt Kermits Blick auf sein exquisites Hemd, ein fleischfarbenes Hellbraun, mit luftigen, weißen Flecken. Wieder schüttelt Kermit den Kopf. Ich möchte nicht wissen, was so ein Hemd kostet, sagt er sich. An was erinnert mich denn dieses Muster?, überlegt er die ganze Zeit. Bis er draufkommt, dass es eine italienische Wurstsorte ist. Diese besonders delikate Wurst, aus reinem Schweinefleisch mit großen Fettaugen - Mortadella. Was für ein toller Einfall. Ein Hemd einer Feinschmeckerwurst nachzuempfinden.
Während er vom Muster dieses extravaganten Hemdes wie gebannt ist, überkommt ihn das eigentümliche Gefühl, als würde, was er sieht, zu einem Bild gerinnen. Das Mortadella-Hemd, die ungelenke Haltung der Jungs, die hässliche Frau im Hintergrund, alles ist plötzlich fixiert. Er fürchtet selbst zu erstarren und bewegt verunsichert die Finger in seiner Faust und hebt den Kopf, um sich zu vergewissern, dass er nicht als Teil einer Installation zu einer Wachsfigur geronnen ist. Die Glieder bewegen sich noch, aber er ist gewarnt. Kermit geht zur Tür. Aufs Interview verzichtet er. Ihm scheint, er habe genug gesehen und flieht von dem Haus.

Draußen ist er erstmal geblendet und steht wie gelähmt. Aber dann sieht er seine Truppe, auf dem schrägen Stück Weg, das zur Hauptstraße führt.
Einer der quirligen Jungs aus der Gruppe rennt auf ihn zu. Kermit legt ihm den Arm über die Schulter. Sich vorbeugend fragt er ihn.
„Na, wo habt ihr euch rumgetrieben?“
 Dabei kommt seine Hand zufällig auf das Geschlecht des Jungen zu liegen. Er drückt es und sagt.
„Da fasse ich mich selber auch manchmal an und halte es. Das fühlt sich gut an.“
Das Kind schweigt. Er will den Jungen hochheben, damit er in der Luft eine Rolle macht. Aber das scheint dem Kind zu heikel zu sein. Es sträubt sich, entwindet sich und jagt quietsch-lebendig davon. MLF