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Sonntag, 10. März 2013

149 III Herrlisberg – Eine dürftige Ernte



Als er vom Wald in die Herrlisberger Hochfläche hinausfuhr, hatte Wendy das sonderbare Gespür, dass er sich in einer anderen Welt befinde. Ihm war als sei er in einen Brunnen gesprungen und als würden plötzlich die Äpfel und die Brote zu ihm sprechen. Er hätte nicht genau sagen können, woran es lag, aber er war sich sicher, dass dies kein bloßes Feld war, sondern ein Gefilde. Weiter fahrend kam er schließlich zu einem großen Gebäude, das an einer schönen, ebenen Stelle der Hochfläche stand. Wie ein Herrenhaus sah der Bau nicht aus, eher wie ein stattlicher Zweckbau, einer Zehntscheuer ähnlich. Wendy hielt vor dem Holzbau und stieg aus dem Wagen. Da trat ein großer, wohlgebildeter Mann vor das Tor hinaus. Der dunkel Gekleidete glich treffend Leonhard Schmid, einem soliden und kompetenten Freund von ihm. Wendy war daran, ihn mit Vornamen zu begrüßen. Der große Mann blieb jedoch zurückhaltend. Er sah Wendy freundlich an, schien ihn aber nicht persönlich zu kennen. Wendy holte seine Trage vom Hintersitz des kleinen Wagens. Er schlüpfte in die Gurten und folgte dem Mann, von dem er vermutete, dass er der Verwalter war. Dieser öffnete die hölzerne Tür im großen Tor und ging ihm voran. Das Gebäude hatte keine Fenster, aber es drang genügend Licht durch die Ritzen zwischen den Brettern, so dass es im Innern hell war. Sie wandten sich nach rechts, wo auf einem Podest ein großer Behälter stand. Der Verwalter wies darauf. Wendy stieg die Stufen hoch. Als er vor dem Behälter stand, bückte er sich und leerte die Bütte seitlich an der Schulter vorbei in die große, runde Öffnung. Leider stand er etwas zu nah, so dass ein Teil des Inhalts über den Rand hinausschoss. Es war nicht viel, aber der Verlust ärgerte ihn. Hätte er die Trage vorsichtig an den vorderen Rand angesetzt, wäre nichts daneben gegangen. Aber etwas anderes beunruhigte ihn viel stärker. Das Ergebnis seiner Ernte erschien in diesem Behälter ein Nichts zu sein. Die dunkle Flüssigkeit bedeckte kaum den Boden. Zwischen dem dunklen Saft war sogar noch eine Stelle des leicht gewölbten Bodens trocken geblieben. Der Verwalter war zu ihm hochgestiegen und schaute in den Behälter. Erschrocken drehte sich Wendy ihm zu. Er erwartete Spott, wenn nicht sogar Schelte. Aber der große, ruhige Mann blieb stumm und veränderte auch nicht seine Mimik. Es schien nicht seine Aufgabe zu sein, die Ernte zu bewerten. Sein Job war wohl bloß, sie entgegen zu nehmen. Was sollte er auch sagen. Das Ergebnis war auch so deutlich genug.

Man schien ja in diesem Gefilde nicht viele Worte zu machen. Aber draußen vor der Tür konnte sich Wendy doch nicht verkneifen, die Frage, die ihn drängte, zu stellen.

„Man hat mir gesagt, hier sei das Gefilde des Herrn. Können Sie das bestätigen?“, fragte er in möglichst sachlichem Ton.

Der Verwalter bequemte sich jetzt doch zu einer Antwort. Nur, so richtig verstand Wendy seine Worte nicht.

Das mit dem Max-Re-Turm stellt ein Problem dar.“ Das war die Erwiderung, die Wendy erhielt.

Er schaute den Verwalter verdutzt an. Was ist ein Max-Re-Turm?, lag ihm auf der Zunge zu fragen. Aber er fürchtete, die Reaktion darauf könnte noch kryptischer ausfallen als die vorherige. Also nickte er bloß etwas zerstreut. Dann verstaute er die leere Bütte auf dem Rücksitz, grüßte und setzte sich in Astrids rundes Auto, startete den Motor und fuhr davon.



Er war noch nicht weit gelangt, als er mitten auf der Straße eine Person sah, die, wie sich bald herausstellte, einen Druckschlauch in Position brachte. Erst glaubte er, die Person sei im Begriff, die Straße zu überqueren, aber dem war nicht so. Als er näher kam, sah er eine fesche, junge Frau dort stehen. Sie hielt ein leichtes Rohrgestell, in dem ein Druckschlauch, wie ihn die Bauern zum Jauchen der Felder benutzen, steckte. Aber statt die Felder zu düngen, schoss jetzt der Strahl genau in die Richtung von der Wendy herkam. Ein beißender Gestank ging diesem voraus. Nach wenigen Metern würde ihn die braune Brühe treffen. Ist das die Quittung auf meine klägliche Ernte, fragte er sich entsetzt. Schnell riss er das Steuer nach rechts und fuhr parallel zur Straße durch die Wiese. Sie hielt den Strahl weiter auf die Straße gerichtet und ließ ihn passieren. Mit Schaudern erinnerte er sich an die Geschichte eines Florentiners, der nach dem freudigen Besuch bei einer schönen Dirne in der Jauchegrube gelandet war. Da er nicht zahlen konnte, war ihm statt der vermeintlichen Außentür, ein Verschlag zur Grube geöffnet worden. Besonders nachdenklich stimmte Wendy, dass die am Schlauch stehende junge Frau die hübscheste Bäuerin war, die er je zu Gesicht bekommen hatte. Um ein Haar wäre er von ihr mit Dung begossen worden. Erleichtert, dass er es geschafft hatte, unbesudelt vorbei zu kommen, lenkte er wieder auf die Straße zurück.

Im Weiterfahren, sah er linkerhand Kühe weiden. Es waren schöne Tiere, einfarbige, sowohl als gefleckte, mit glänzendem Fell, ganz im Gegensatz zu den Kühen der Fleischers. Zwischen ihnen stand aufrecht eine Hirtin. Er sah sie von hinten. Sie trug eine hellgraue Kapuzen-Jacke, mit einem – für eine Kuhhirtin - erstaunlich kurzen Rock darunter. Ob sie wohl auch so schön war wie ihre Schwester oder Mitarbeiterin am Druckschlauch? Ihre Beine waren nicht gerade grazil, aber keinesfalls dick, sondern durchaus attraktiv. Als sie sich umdrehte, erschrak er. Er glaubte die gleiche Bäuerin nochmal vor sich zu haben. Ihr Gesicht war diesmal mürrisch und der Blick so bohrend, dass er diesem nicht standhalten konnte. Sie musste die Zwillingsschwester der Frau am Druckschlauch sein, so sehr glichen sie sich. Beim Wegsehen fiel ihm noch auf, was für eine stattliche Oberweite sie hatte. Dass ihr dieser Hütejob nicht gefiel, war unverkennbar. Aber das ist doch nicht meine Schuld, dass sie hier auf dem Feld stehen muss, rechtfertigte er sich. Oder etwa doch? Hatte für sie vielleicht die Aussicht bestanden, vom Hüten der Rinder wegzukommen, wenn eine große Ernte angekommen wäre?

Seine Aufmerksamkeit wurde bald von etwas anderem abgelenkt. Unweit der Hirtin hielten zwei Bullen ihre Hörner ineinander verkeilt, prächtige, dunkelbraun glänzende Viecher. Sie kämpften gegeneinander, bewegten sich aber kaum. Die Spannung übertrug sich durch die Luft bis auf ihn. Schon die bloße Masse ihrer Leiber mutete erschreckend an. Der junge Stier rechts war anscheinend der Angreifer. Er war nur halb so lang wie der ältere Bulle, der die Vorherrschaft zu verteidigen schien. Dieser erweckte den Eindruck, als sei er unbesiegbar, so lang war er und so schwer. Der junge Stier wirkte aber dynamischer. Wendy sah, wie er kurz zurücksetzte und dann mit voller Wucht wieder den Kopf des Verteidigers rammte. Der Knall drang bis zum Wald hoch, von dort hallte das Echo zurück. Was das wohl zu bedeuten hatte, wenn in diesem Gefilde ein junger Stier mit einem alten die Kräfte maß? Noch schien ja keine Veränderung bevorzustehen. Aber der Große würde älter werden und irgendwann würde er dem Ansturm des Jungen nicht mehr standhalten können. In absehbarer Zeit stand also bei dieser Herde eine Ablösung bevor. Ob diese woanders einen Wandel mit sich bringen würde? Wendy konnte nur Mutmaßungen anstellen. Mit den möglichen Wechselwirkungen der Gefilde des Herrn zu andern Welten kannte er sich nicht aus. Er wusste von allerlei Gerüchten, widerstand aber der Versuchung, Mutmaßungen anzustellen. Ich habe keine Ahnung, sagte er am Steuer vor sich hin. Brauche ich auch nicht. Wichtiger ist, dass meine nächste Ernte etwas reicher ausfällt.

Er näherte sich dem Wald und nahm dabei Abschied von diesem sonderbaren Gefilde. Er wollte wiederkommen. Das nächste Mal hoffentlich schwerer beladen.



Auf den Parkplatz der Firma Haag einlenkend schaute sich Wendy nach Olafs Wagen um. Zwei Runden drehte er auf dem weitläufigen Parkplatz. Da waren viele Autos geparkt, auch große, aber keines glich dem Sechziger-Jahre-Schlitten von Olaf. Er hatte geglaubt sich verspätet zu haben, deshalb war er überrascht, dass Astrid noch nicht zurück war. Er parkte den kleinen Wagen und lehnte sich zurück. Es wird ihr doch nichts zugestoßen sein? Für jemanden, der die Schnellstraßen nicht gewohnt war, bargen sie so manche Tücken. Aber er kannte Astrid als eine taffe, wendige Person. Er glaubte nicht, dass sie einen Fehler begang. Unruhig klopfte er auf das sichelförmige Lenkrad. Manchmal konnten einem andere in einen Schlamassel hineinziehen, ohne dass man etwas dagegen tun konnte, überlegte er unruhig. Wendy stieg aus und lehnte sich gegen den kleinen runden Wagen. Es kam ihm vor, als sei er vor drei Tagen von hier losgefahren, nicht erst vor drei Stunden. Das lag wohl daran, dass sich im Herrlisberger Gefilde die Uhr anders drehte. Er war für kurze Zeit in den Strom einer anderen Zeit eingetaucht und hatte prompt das Gefühl für die hiesige verloren. Ihm kam in den Sinn, was der Verwalter, der Leonhard Schmid so ähnlich sah, zu ihm gesagt hatte. ‘Der Max-Re-Turm stellt ein Problem dar‘. Was er wohl mit dem ‚Max-Re-Turm‘ gemeint hatte? Und was für Probleme dieser barg? Vielleicht wusste Astrid etwas davon. Sie kam ja viel herum. – Aber wo war sie nur? Da durchfuhr es ihn wie ein Blitz.

Wendy schloss schnell den Wagen ab und hastete los. Auf der Straße lief er vom Ort weg in Richtung der Ausfahrt. Als er die Höhe der Ausfahrt erreichte, sah er Olafs Wagen unten, nur wenig höher als die Schnellstraße. Mit seiner Vermutung hatte er richtig gelegen. Astrid hatte nicht vermocht den schweren Wagen zu schieben. Wie auch, wenn er, der deutlich größer und kräftiger war, es kaum geschafft hatte. Er winkte ihr und sie winkte zurück. Unten angekommen, bat er sie, sich ans Steuer zu setzen und den Wagen zu starten. Er schob von hinten. Mit zwei Händen war das deutlich leichter als mit einer. Trotzdem war er wieder nass vor Anstrengung, als sie auf der oberen Straße ankamen.

„Und, wie war die Runde auf der Schnellstraße?“, fragte er Astrid, als sie auf dem Parkplatz standen.

„Nun, jetzt hab ich’s mal wieder gesehen. Diese Welt der Schnellstraßen, der Drive-In Gaststätten und Motels ist nicht mein Ding. Das reicht jetzt wieder für eine Weile.“

„Und du, deine Ernte abgeliefert?“

Wendy nickte zaghaft. Die Erinnerung des nicht vollständig bedeckten Bodens, wurde in ihm wach. Er nickte bedrückt. Da fiel ihm der Spruch des Verwalters ein.

Ob sie wisse, was ein Max-Re-Turm sei?, fragte er.

Astrid dachte nach. Da lange keine Antwort kam, vervollständigte er den Satz. ‘Der Max-Re-Turm stellt ein Problem dar‘, habe er genau gesagt.

Okay, ja, das stimme mit ihrer Vermutung überein, antwortete sie. Wenn die Leute die Gefilde des Herrn etwas näher sähen, würden sie diese wohl häufiger aufsuchen. Aber da sie sich unter dem Herrn gern den höchsten aller Herren vorstellten, am liebsten den Schöpfer aller Dinge, suchten sie gar nicht erst den Kontakt zu ihm.

Er werde darüber nachdenken, sagte Wendy und bedankte sich für ihre Hilfe. „Ohne dich, hätte ich jetzt wahrscheinlich noch nicht mal den Wald oben erreicht“, fügte er hinzu.

„Keine Ursache“, sagte sie und stieg in ihren kleinen Wagen.

Als Wendy über die Schnellstraße durchs Moor zurückglitt, war er nicht mehr so berauscht wie auf der Hinfahrt. Dass seine Ernte so verschwindend klein ausgefallen war, gärte in ihm. Aber insgesamt fühlte er sich mit der Fahrt nach Herrlisberg doch zufrieden. MLF

Samstag, 9. März 2013

149 II Herrlisberg - Start mit Ami-Schlitten



Wie einst ein biblisches Paar in die Stadt seiner Väter zog, um sich der Zählung zu stellen, so begab sich Wendy zum Home, um von dort aus seine Ernte nach Herrlisberg zu tragen. Home, das freistehende Elternhaus, gehörte zum ländlichen Heimen und war umfriedet von den Höfen mehrerer Clans von Viehhaltern. Sie hießen mit Nachnamen alle Fleischer, grenzten sich aber stark voneinander ab. Die Viehrasse, die sie hielten, war eine ungewöhnliche Rasse. Man sagte, dass sie aus Indien stamme. Diese Rinder hatten ein hellbraunes, wolliges Fell, das völlig zerzaust war. Scheinbar willkürlich hingen über dem Fell dichte Knäuel von Wolle, bei den einen am Hals, bei den anderen am Rücken, bei wieder anderen am Hinterteil oder an den Beinen. Das verlieh den ansonsten schon unproportionierten Tieren nicht gerade ein ästhetisches Äußeres. Aber darauf kam es ja nicht an. Bei Kühen war wichtig, dass sie viel Milch gaben. Das taten sie bestimmt, sonst hätten sie sie ja nicht gehalten.
Da Wendy zwischen den Viehhaltern aufgewachsen war, fühlte er sich eng mit ihnen verbunden. Deshalb startete er seine Fahrt nach Herrlisberg vom Molkereiplatz aus, auf dem sie sich jeden Morgen und Abend bei der Milchabgabe trafen.
Der Wagen, den er sich für diese Fahrt ausgeliehen hatte, stammte aber nicht von ihnen, sondern von Olaf, einem hochbegabten Wissenschaftler und Physiker, den er an der höheren Schule kennen gelernt hatte. Olaf lieh ihm ein ausgezeichnetes Fahrzeug, seinen stattlichen Ami-Schlitten aus den Fünfzigern, mehr ein Schiff als ein Automobil. Auf dem Molkerei-Platz hatte sich Alt und Jung versammelt und bestaunte seinen tollen Wagen. Sein gleichaltriger Freund unter den Viehaltern kam mit einer Trage, einem Korb für den Rücken, wie ihn die Winzer bei der Ernte nutzen. Er öffnete den Kofferraum und steckte den Korb hinein. Anscheinend hatte man früher diese Trage benutzt, wenn man zum Herrlisberg aufbrach. Was soll ich damit? fragte sich Wendy. Aber aus Höflichkeit protestierte er nicht. Beim Abschied winkten alle. Manche sahen ihm neidvoll nach. Sie wären gerne mitgefahren, aber sie hatten keine Zeit. Dadurch, dass die Vertreiber der Milch ihre Verdienste immer weiter schmälerten, wurde ihre Arbeit ja nicht weniger.
Was für ein Fahren, in diesem gut gefederten, leicht schwingenden Automobil. Es war mehr ein Schweben, als ein hartes Fahren. Auf der Schnellstraße durch das große Moor von Heimen zum Schulort kurbelte Wendy die Scheibe nach unten und ließ den Wind in die Haare pusten. In Gedanken glitt er in seine Schulzeit zurück, in der er auf einer fortführenden Schule all die wichtigen Sparten kennen gelernt hatte, die die Grundlage der modernen Zivilisation ausmachten. Mathematik, Biologie, Physik und Chemie, sie hatten das Leben von Grund auf verändert. Allen voran die clevere Physik mit ihrem tatkräftigen Gatten Technik, den man nicht genug loben konnte. Erst recht, wenn man in einem so prächtigen Automobil, wie dem seinen, dahin flitzte. Solche Gedanken gingen Wendy durch den Kopf, während er in rauschender Fahrt durch die Moorebene glitt und auch, dass niemandem mehr zuzumuten wäre, eine Strecke, wie die von Heimen zum Schulort, im Schneckengang eines Fußgängers zurückzulegen. Kaum von Home losgefahren nahte er sich schon der Abzweigung vor dem Schulort.
Als es die Ausfahrt von der planen Schnellstraße auf die alte Straße hoch ging, rollte das Automobil plötzlich nicht mehr so glatt. Olafs Wagen fing an zu stocken und blieb schließlich sogar stehen. Da zeigte sich ein Nachteil dieses großspurigen Gefährts. Der Motor war nicht für Steigungen ausgelegt. Wendy musste aussteigen und nachhelfen. Mit der Linken presste er gegen den Türrahmen, mit der Rechten hielt er das Steuer. So schob er den schweren Wagen mit ziemlichem Kraftaufwand zur alten Straße hoch. Während er geradeaus weiter fuhr, fragte er sich besorgt, wie er mit diesem Glanzprodukt von Physiks Gatten den steilen Weg zum Herrlisberg hoch schaffen sollte. Die Ernüchterung war groß, aber es blieb ihm keine andere Wahl, er musste den schwerfälligen Wagen auf den Parkplatz der Firma Haag, die ihren Sitz am Ortseingang hatte, abstellen. Welch eine Ironie des Schicksals. In dieser modernen Zeit hatte er den Weg zu den Gefilden des Herrn wie vormals ein reumütiger Pilger auf Schusters Rappen zu gehen. Da war er plötzlich froh, dass ihm sein Freund, der Viehalter, einen Tragekorb für den Extrakt seiner Arbeit mitgegeben hatte. Er holte den Tragekorb heraus, steckte seine Ernte hinein und schickte sich an, den weiteren Weg zu Fuß zu gehen.

Im Laufe seines früheren Umherziehens hatte Wendy viele Freundschaften geschlossen. Nach den Viehaltern und nach Olaf dem Wissenschaftler, war er noch vielen andern Personen begegnet. Jede von ihnen gehörte zu einem anderen Aspekt des vielgestaltigen Lebens. Vielleicht die ungewöhnlichste Person von allen war Astrid gewesen, eine kesse Frau, von der er gar nicht wusste, wo sie zu Hause war. Manchmal dachte er, dass sie von einem anderen Stern stamme. Sie galt ihm aber als einer der patentesten und wendigsten Freunde. Durch einen wunderlichen Zufall traf er ausgerechnet diese Person in dem vertrackten Moment.
Wendy war gerade mit den Armen unter die Ledergurten seiner Trage geschlüpft, als ihn jemand ansprach.
„Ach, ist Erntezeit?“, wurde er gefragt.
Die verschmitzte Stimme kam ihm bekannt vor. Für einen Moment glaubte er nicht richtig zu sehen und rieb sich mit der rechten Hand erst das eine, dann das andere Auge. Vor ihm stand seine Freundin, die er lange nicht getroffen hatte.
Astrid sah ihn an mit seinem roten Kopf und den verschwitzten Kleidern und wusste sofort Bescheid. Wendy überlegte, wo er beginnen sollte. Aber dann brach es aus ihm heraus.
„Den Weg die Ziegensteige hoch werde ich wohl zu Fuß machen müssen.“ Er wies mit der Hand abfällig auf Olafs großen Wagen und sagte. „An die Strecken abseits ihrer Schnellstraßen haben diese Tüftler und Verwandler unseres Lebens wohl nicht gedacht. Ich bin kaum die Ausfahrt hochgekommen, wie sollte ich da mit einem solchen Fahrzeug die Ziegensteige schaffen.“
„So, geht’s nach Herrlisberg?“, fragte sie und reichte ihm umsichtig ein Taschentuch.
Er wischte sich den Schweiß von Gesicht und Hals.
„Fahrten außerhalb halten die auch nicht für wünschenswert“, bemerkte sie mit skeptischem Ausdruck. „Die wollen dich ja auf ihren Bahnen halten, in ihrer Welt.“
„Da magst du Recht haben. So deutlich ist mir das bisher nur nicht bewusst geworden.“
„Der Weg nach Herrlisberg hat schon manche dazu geführt, das Leben unter einem andern Blickwinkel zu betrachten“, sagte sie mit ernster Miene.
Wendy wunderte sich, dass sie sein Ziel erraten hatte.
Astrid mochte nicht, wenn einer ihrer Freund in der Patsche steckte und nicht herausfand. Deshalb beschloss sie Wendy etwas unter die Arme zu greifen.
„Hör mir zu“, sagte sie. „Wie wär’s mit einem Tausch? Du fährst für zwei, drei Stunden mit meinem kleinen Wagen und ich drehe mal eine Runde in deinem tollen Schlitten?“
Ob sie auch mit dem Auto da sei, fragte Wendy verwundert. Er denke sie fliege nur.
Aber nein, natürlich habe sie einen Wagen, entgegnete sie. Dieser habe nur leider die technische Prüfung für die Schnellstraße nicht bestanden, aber auf den alten Straßen könne man sich damit sehr wohl bewegen.
Sie führte Wendy zu einem Auto, an dem alles rund schien. Er hätte gar nicht gedacht, dass an einem Wagen so viel rund sein konnte.
„Was ist das für eine Marke?“, fragte er verwundert.
„Das ist die Marke Pi“, gab sie zur Antwort.
„Nie gehört“, brummte Wendy, „die scheinen Rundungen zu lieben.“
Astrid streckte ihm lachend die offene Hand mit dem Schlüssel entgegen und nahm seinen in Empfang.
So kam es, dass Wendy den Weg nach Herrlisberg doch fahren konnte.
Die wirklich sehr steile Ziegensteige hoch, nach Herrlisberg, bereitete dem kleinen runden Wagen überhaupt keine Probleme. Von der Form her, war er entfernt dem Ka-Modell verwandt. In der Leistung übertraf er diesen aber bei weitem. Der Bergrücken über der Ziegensteige war von einem dichten Wald bedeckt. Als Wendy diesen durchquerte, bemerkte er nicht, dass dies kein gewöhnlicher Wald sein konnte. Erst als er sich dahinter plötzlich in einer ganz anders anmutenden Welt befand, wurde ihm dies bewusst. MLF

Freitag, 8. März 2013

149 I Herrlisberg - Das Gesicht eines Granatapfels



Wie Wendy – lange nichts gehört von ihm – die Gefilde des Herrn in Herrlisberg aufsuchte.



Wieder ging ein Arbeitstag zur Ende. Es handelte sich um eine große Einrichtung, in der er tätig war. Auf der Rückseite des weitläufigen Gebäudes hatte sich einiges an Restholz angesammelt, vorwiegend Plattenstreifen unterschiedlichen Formats. Wendy hatte sich vorgenommen, dieses noch aufzuräumen, bevor er seinen Arbeitstag beschloss. Er stand draußen, als Elisabeth vom Flur her in den Raum mit der Außentür trat.

„Bist du noch immer nicht fertig“, rief sie. Für seine Gründlichkeit schien sie kein Verständnis zu haben. Der Ton erinnerte ihn an ihre Hochzeit mit Beat. Ein Frösteln lief ihm über den Rücken. Dort hatte sie ihm, Wendy, vor der versammelten Gästeschar bitterste Vorwürfe gemacht (85Vorwürfe bei der Hochzeit). Hätte er ihr gar nicht zugetraut, ihr, die aufgrund ihres vielsagenden Namens als eine Verehrerin des Herrn galt. Selbst als Wendy sie später bei ihrem Sohn besucht hatte, war er gescholten worden (86Elisabeths Sohn).

„Ich bin am Aufräumen“, rief Wendy und trat von draußen ins Türlicht, „so lange wirst du doch warten können.“

Nein, länger könne sie nicht warten, rief sie. Dem Ton ihrer Stimme war die Enttäuschung deutlich anzuhören.

„Mein Gott, ein paar Hölzer kleinzuschneiden, wird doch noch drin sein. Ich hab’s ja gleich“, rief ihr Wendy hinterher.

Elisabeth hatte ihn nicht mehr gehört. Sie war davor schon losgegangen.

Wenn er etwas hasste, dann war es, eine Arbeit unaufgeräumt zu hinterlassen. Aber nach ihrem Auftritt sagte er sich, dass er die Abfälle eigentlich auch später aufschneiden könnte. Er fürchtete, dass sie ernst machte und mit ihrer Truppe ohne ihn wegging. Also platzierte er die Holzstücke auf der Bank an der Hauswand, oben gegen die Mauer gelehnt. Auch wenn er sich bemühte, sie ordentlich auszurichten, ergab das kein sehr schönes Bild. Aber man muss auch mal etwas ungerade sein lassen können, sagte er halblaut zu sich. Es wird sich schon niemand beschweren.

Wendy ging eilig zur Garderobe, zog sich um und eilte an der Vorderseite durch den großen Hof zum Tor. Mit etwas Glück würde er Elisabeths Gruppe noch einholen.

Sie standen tatsächlich noch außerhalb des Tors. Doch nach ihm drehte sich niemand um. Selbst als er grüßte, „hallo, hier bin ich“, nahm man kaum Notiz von ihm. Sie hatten anscheinend nicht mehr mit ihm gerechnet. Elisabeth mied geflissentlich Wendys Blick. An ihrer Seite stand ein anderer. Der Mann an ihrer Seite bot einen seltsamen Anblick. Er war groß, sehr groß sogar, aber was für ein Gesicht. Wendy glaubte, er blicke auf eine Frucht mit vielen Wölbungen und einer Vertiefung, die die Blume der Frucht enthielt. An einen Granatapfel dachte er. Augen, Nase und Mund, wenn es sowas überhaupt gab, lagen in dieser Einbuchtung. Sie sahen den verdorrten Blättchen einer früheren Blüte ähnlicher, als den Sinnesorganen des Menschen. Um die Höflichkeit zu wahren und um sich gegenüber Elisabeth jovial zu verhalten, begrüßte er den großen Konkurrenten doch. Er tat dies mit einem förmlichen Kuss auf eine der vielen Ausbuchtungen dieses sonderbaren Gesichtes. Wendy geriet diese Geste etwas steif, wie man die Soutane eines Priesters küssen mochte. Oh, Elisabeth, auf wen hast du dich da eingelassen, dachte er dabei. Sobald die Begrüßung vollzogen war, setzte sich die Gruppe in Bewegung.

Von der Einrichtung gelangten sie auf eine städtische Straße, die auf einen Punkt im noch ziemlich weit entfernten Stadtkern zulief. Es war nicht Elisabeth, sondern Eike, die in der Gruppe den Ton angab.

„Seht ihr dort hinten die Querstraße?“, fragte sie. „Jenseits, links, das große Gebäude, das ist die Gaststätte ‚Sonne‘, dort wollen wir einkehren.“

 „Aber es ist doch gar nicht sicher, ob sie offen hat“, wandte Judy, die Zweiflerin, ein und verlangsamte den Schritt. „Was ist, wenn der Wirt überhaupt den Betrieb eingestellt hat?“

„Dann müssen wir eben sehen“, entgegnete Eike knapp. Sie breitete die Arme aus, als wolle sie alle umfangen und ging eine Spur schneller.

Judy gab sich noch nicht geschlagen. „Warum nicht in einer der hiesigen Gaststätten einkehren?“, schlug sie vor und wies auf einen soliden Riegelbau, der an ein Jägerhaus erinnerte. „Diese Gaststätte dort ist bekannt für eine gute Küche.“

Das von Judy empfohlene Gasthaus lag noch außerhalb der geschlossenen Häuserzeilen am Rand der Siedlung. Hinter dem Gebäude erhoben sich höhe Bäume, Weiden oder Pappeln. Sie ließen auf stehendes Wasser schließen, einen Teich oder einen kleinen See. Wendy gefiel die Vorstellung eines Gasthauses am Teich. Er fand auch, dass eine diesseitige Gaststätte ausreichen würde. Warum immer auf die andere Seite gehen. Man wurde doch auch in den diesseitigen Gaststätten satt. Eike war da entschieden anderer Meinung. Sie sandte Judy einen strafenden Blick und bewegte ihre ausgebreiteten Arme wedelnd, die Gruppe wie eine Horde Gänse vor sich hertreibend. Elisabeth und ihr Freund schienen die Auseinandersetzung hinter ihnen gar nicht mitzukriegen. Granatapfel war übrigens nicht ein neuer Freund von ihr, sondern derjenige, dem sie immer dann anhing, wenn andere Kandidaten wie Beat oder Wendy, sie mal wieder enttäuscht hatten. Wendy hatte ihn nicht gleich erkannt, weil sich sein Gesicht noch etwas weiter von dem eines gewöhnlichen Menschen entfernt hatte. Wie Elisabeth sich ihm doch immer wieder zuwenden konnte, wunderte ihn schon sehr. Fiel denn sein absonderliches Äußeres gar nicht ins Gewicht für sie?

Etwas anderes lenkte ihn ab und beschäftigte ihn fortan stärker. Nämlich die Reaktion der Passanten auf die Gruppe. Die Menschen schauten entweder schnell weg oder sie hielten den Blick schräg auf Elisabeths Truppe gerichtet. Es war nicht schwer dieses Verhalten zu deuten. Sie schienen, so wie sie, von Granatapfel überragt, daherkamen, geradezu der Inbegriff dessen zu sein, was man meidet. Das betraf vor allem die jungen Menschen. Von denen mittleren Alters kam ab und zu eine neutrale Reaktion. Nur von den alten Leuten sah er gelegentlich jemanden anhalten, um ihnen bewundernd nachzuschauen. Dabei war ihr Innehalten meistens mit einer unwillkürlichen Bewegung verbunden, einem leichten Vornüberbeugen. Es braucht nicht erwähnt zu werden, dass es Granatapfel war, der die meiste Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Passanten schienen sie, Elisabeth, Eike, Judy, Wendy und die anderen nur als ein Anhängsel von ihm zu betrachten. Wendy fragte sich, ob die jungen Menschen sie auch so abschätzig behandelten, wenn Granatapfel nicht dabei wäre und er an Elisabeths Seite ginge? Er war sich nicht sicher, vielleicht nicht, vielleicht doch. Die Reaktionen von Umstehenden auf andere Menschen sind meist instinktiv. Vielleicht war es ein euphorisches Glimmen in den Augen der Gruppenmitglieder, das die Abwehr der jungen Leute, die ja vor allem cool sein wollen, hervorrief. Ihm war es egal, wie die Menschen reagierten. Jedenfalls glaubte er das, bis unter den Passanten ein Bekannter erschien.

Sie waren nicht mehr weit von der Querstraße entfernt, da stand im schattiger werdenden Licht des Vorabends ein früherer Kollege, mit dem er eine Weile im selben Dienstverhältnis gestanden hatte. Der ehemalige Mitarbeiter schaute auf sie und kniff die Augen zu. Er war geblendet, weil das Licht hinter ihnen stand. Trotzdem drehte er den Kopf langsam, im Gleichmaß mit ihrem Vorbeigehen. Wendy sah ihn an, grüßte aber nicht, sondern hielt nur seinem Blick stand. Diese Szene hatte etwas Hypnotisches. Es war, als wollten zwei Personen miteinander Kontakt halten, während die Erdplatten, auf denen sie standen, auseinanderbrachen. Als sie vorbei waren, juckte es Wendy auf der Stirn. Als er hinfasste, spürte er einen Tropfen Schweiß. Anscheinend waren ihm die Reaktionen der Mitmenschen doch nicht egal.



Die ‚Sonne‘ war doch geöffnet. Am Tisch sitzend wurde im Gespräch gesagt, dass jeder, was er erntet, zum Herrn tragen müsse.

„Wie?“, fragte Wendy verdutzt, „aber ich habe doch gar nichts geerntet.“

„Niemand hat nichts zu ernten. Jeder hat dem Herrn etwas zu bringen“, sagte Eike in ihrer sturen, belehrenden Art und machte ihn damit verstummen.

Aber dann fragte er doch. „Wo soll ich meine Ernte hintragen? Wenn ich denn was habe.“

Wo er herstamme, wurde er gefragt und alle sahen ihn neugierig an.

War denn wirklich niemand dabei, der wusste, wo er aufgewachsen war. Noch gereizt durch Eikes vorlaute Art antwortete er flapsig:

„Von Home natürlich. Was für eine dumme Frage.“

Wo sein Home liege.

Es gehöre zu Heimen.

Wo Heimen angesiedelt sei.

Es liege auf dem Land und sei ein Nachbarort des Schulorts, gab er zur Antwort, zu Füßen des Lindenbergs.

Ah beim Lindenberg. Über dem Lindenberg liege Herrlisberg. Dort müsse er hin.

So wurde Wendy überredet, seine Ernte nach Herrlisberg zu tragen. MLF

Mittwoch, 5. Dezember 2012

130 Die neuen Volksstämme im Dschungel



Wendys fünfunddreißigstes Abenteuer

Arnaud führte ihn durch den Dschungel. Im Halbdunkel schlugen sie sich unter den Urwaldriesen durch. Da und dort fiel etwas Licht ein. Umso üppiger war an diesen Stellen die Vegetation und ein Durchkommen war kaum noch möglich. Der Schwerpunkt ihres Interesses galt dem jungen Urwald, der sich aus neuen, schnellwachsenden Bäumen gebildet hatte. Auch hier war es nicht leicht voranzukommen. Die Schlingpflanzen füllten jede freie Stelle aus. Wendy ging hinter Arnaud her, der mit einer Machete den Weg bahnte. Zwischendurch wechselten sie ab. Aber ihm schmerzte schon nach kurzer Zeit der Arm oder er verhedderte sich so im Gebüsch, dass sie die Richtung verloren.
„Die Homben bevölkern diese neuen Wälder“, hatte ihm Arnaud auf der Herfahrt erklärt. „Da sie sich in den herkömmlichen Wäldern nicht sicher fühlten, hatten sie selber für die Pflanzung dieser neuen Wälder gekämpft. Sie haben schon früh erkannt, dass sich hier eine neue Möglichkeit zur Entfaltung bietet“, verriet ihm Arnaud. Arnaud arbeitete unter anderem für eine Zeitung, für die er die Kolumne ‚Leben im Dschungel‘ schrieb. Darin berichtete er, was ihm auf seinen Dschungel-Touren zustieß. 
Er hatte weiter berichtet. „Sie plädierten deshalb für die Abholzung. Das Argument war, dass alle großen Bäume krank seien“, sagte Arnaud. „Das war nicht ganz ehrlich. Aber für unseren Zweck war es genau das Richtige.“ Niemand habe vorausgesehen, wie schnell die Homben sich im neuen Urwald ausbreiteten. Das habe auch ihn überrascht, sagte Arnaud.
Jetzt versuchten Arnaud und Wendy zu einem bestimmten Platz im Urwald zu gelangen, an dem ein Treffen verschiedener Stammessprecher vereinbart war. „Hier muss es sein, sagte Arnaud, als sie eine kleine Lichtung erreichten, von der der junge Urwald stufenförmig anstieg. In der Mitte stand ein alter Baum, der die Brandrodung überstanden hatte. Er war halb verkohlt. Arnaud lehnte sich gegen den Stamm. Wendy setzte sich auf einen Strunk, der von einer gelben Flechte bedeckt war. Er zupfte sich die klebrigen Anhängsel von den Schlingpflanzen an Hemd und Hose weg.
Sie warteten etwa eine halbe Stunde, bis sich im Gebüsch ein großer blonder Mann zeigte. Wie?, fragte sich Wendy, das soll ein Afrikaner sein? Aber dann fiel ihm wieder ein, dass sie wohl im Dschungel, aber nicht in Afrika waren. Mit seinem kantigen Gesicht und dem blonden, fast roten Haar, sah der erste dem Sänger von Major Tom erstaunlich ähnlich und zufällig hieß er auch David.
„Du vertrittst die Gruppe vom Hello?“, fragte Arnaud sachlich.
Im Auto hatte er Wendy mitgeteilt, dass die Stämme sich mit Vorliebe nach Klubs oder Gaststätten benannten, in denen sie ihre Mitglieder rekrutierten. Und dass zuweilen heftige Streitigkeiten entstanden, wer einen bestimmten Namen führen durfte und wer nicht.
„Die können mich mal“, sagte David verächtlich. „Asher und ich bilden jetzt eine eigene Gruppe.“
„Willst du nicht erst mal das Treffen abwarten“, fragte Arnaud, „bestimmt handelt es dich nur um ein Missverständnis.“
„Missverständnis, päh“, stieß David verächtlich hervor.
Nach und nach drangen von allen Seiten Hombe aus dem Gebüsch. Große, kleine, dicke, dünne. Super gestylte ebenso wie bescheidenere und Manni, eine Wollsocke, war auch dabei. Er machte sich mit Gregor, einem kräftigen, väterlichen Typ für die gemeinsamen Infrastrukturen stark. Was anderen, jüngeren wie sie sagten, ganz am Arsch vorbeiging. Wendy verlor schnell den Überblick, wer jetzt da mit wem es gerade konnte, mit wem ins Bett ging oder sich überworfen hatte. Eine weitgefächerte Szene, wie es sie wohl nur in Großstädten gab, verdichtete sich hier auf einem Punkt.
Arnaud hörte sich alles an, runzelte mal die Stirn oder lachte, mischte sich aber nicht ein. Das schien sein Prinzip zu sein. Gregor schenkte aus einem Plastikfass grünen Waldmeistersaft in Plastikbecher und Wendy bot sie der Reihe um an. „Was, schon wieder Waldmeister“, wurde gemeckert, aber er sah keinen, der nicht zugegriffen hätte. Dann verabschiedete sich der erste mit „He Leute, ich kann hier nicht ewig rumhocken.“ Und schon bald war die Gruppe auf fünf Hartnäckige, zu denen Manni und Gregor gehörten, geschrumpft. Erst als Arnaud sagte, sie müssten jetzt zurück, brachen auch die Restlichen auf.
Aber Arnaud kauerte sich wieder hin, zog den Notizblock aus der Hosentasche und fing an aufzuschreiben. Zwischendurch stellte er Wendy Fragen. Warum hat sich Paul von Asher getrennt? Was hat David Gregor vorgeworfen? Warum, meinte Michi, sei Kevin nicht gekommen? Wendy konnte meistens helfen. Anscheinend hatte er doch mehr aufgeschnappt, als er gemeint hatte.
„Wie viel Guthaben hast du noch auf deinem Handy?“, wollte Arnaud wissen.
Wendy schaute ihn misstrauisch an. Vom Dschungel aus in die Zivilisation zu telefonieren, kostete bestimmt ein Heiden Geld. Wiederstrebend fragte er seinen Kontostand ab. Dreiundzwanzig Euro, das war mehr, als er erwartet hatte.
Arnaud sagte. „Heute ist der siebte. So viele Tage hat der Monat noch.“ Er nahm das Mobilteil entgegen und gab im Staccato-Ton die wesentlichen Punkte seines Protokolls an die Redaktion durch. Drei neue Gruppen hatten sich gebildet, das war die Quintessenz des Treffens. „Langsam wird’s auch für mich als Insider schwierig, noch den Überblick zu behalten“, sagte er mit gerunzelter Stirn.
Auf der Rückfahrt wagte Wendy die Frage. „Warum ist es eigentlich so wichtig, dass die Homben den neuen Urwald bevölkern?“
Arnaud antwortete nicht gleich. Wendy glaubte schon, er habe seine Frage überhört. Doch nach einer Weile sah er kurz zu ihm hinüber und sagte dann.
„Die einzige Möglichkeit zu verhindern, dass sich nicht Schläger und Säufer darin ausbreiten, die später das Land überschwemmen, ist, die neue Wildnis selber zu bevölkern.“ MLF