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Dienstag, 3. Juli 2012

79 Im Schatten der Universitätstreppe


Beim überdachten Spielplatz draußen hängte er die Wäsche auf. Was in der Maschine gewesen, passte genau auf den klappbaren Ständer, den seine Freunde sonst im Haus einsetzten. Es ging ein leichter Luftzug, ideal zum Wäschetrocknen. Er beschwerte den Ständer mit zwei Steinen.
Diese Nacht hatte Toni auf dem Platz vor Othmar und Utes kleinem Haus geschlafen und am Abend ihre Waschmaschine befüllt.
Drüben im Park der angrenzenden Villa, sah er Reichmuth. Er ging auf dem schön angelegten Weg und begrüßte ihn bei der Hintertreppe. Toni war früher ein gern gesehener Gast bei Reichmuth und seiner Frau gewesen. Aber seit ihm die Bedürftigkeit ins Gesicht geschrieben stand, zeigten sie sich skeptisch ihm gegenüber.
„Hallo Reichmuth, wie geht’s?“, fragte Toni.
Dieser schaute verstohlen an ihm vorbei. Seine Frau hatte ihm untersagt, sich noch auf Toni einzulassen. Er schaute, wo sie steckte. Der Carport war leer, sie war einkaufen gefahren. Der Privatier entspannte sich und fragte:
„Und selber?“
„Gestern habe ich was ganz Absonderliches erlebt“, berichtete Toni. „Ich war im Aufenthaltsraum des Kulturzentrums – du weißt, da rechts, wenn man reinkommt – wie ich da sitze und über meinen Notizen brüte, kracht es plötzlich aus dem Radio. Zwei Knaller hat’s getan. Ich habe mir ein Kissen vors Gesicht gehalten.“
„Wieso ein Kissen?“, fragte Reichmuth.
„Wegen möglichen Splittern.“
In dem Moment fuhr die Frau zu. Sie mussten Schluss machen. Da fiel Toni auf, dass Reichmuth am Unterbauch etwas rausstehen hatte. Er bückte sich, und entdeckte statt eines Pimmels einen Zapfen. Der war wie bei einem Fass etwa eine halbe Spanne lang und am Ende knubbelig.
Reichmuth musste Tonis Befremden gespürt haben, denn er sagte in beleidigtem Ton. „Ihr mit eurem Gschiss um euren Pimmel!“ Er fühlte sich sichtlich hintergangen.
„Nein, so ist es nicht gemeint“, entgegnete Toni ehrlich. „Ich dachte nur, du hättest was am Bauch.“
Als Reichmuths Frau mit ihren Einkaufstüten im Haus verschwand, kehrte Toni zum Transit zurück. Er wollte nicht, dass sein Freund – sie waren ja Freunde gewesen – Ärger bekommen würde.
Im Bus klappte er die Tischplatte hinunter, rückte das Papier zurecht und wollte anfangen zu schreiben. Aber so richtig war er nicht bei der Sache. Komisch, fragte er sich. Hat nur Reichmuth einen Zapfen? Oder haben das vielleicht alle Begüterten? Er hatte den Stöpsel bei Reichmuth nur zufällig gesehen, weil er so leicht bekleidet war. Er kannte noch andere Reiche und hatte bei allen die gleiche Reaktion auf seine Bedürftigkeit erfahren. Könnte es sein, dass die stete Sorge, alles, was man angesammelt hatte, zusammenzuhalten, auf Dauer zu einer organischen Umbildung führte? Ein Stöpsel, damit einem nichts verloren ging? Er nahm sich vor in Zukunft auf ihren Unterleib zu schauen. Aber nicht nochmal so, dass es auffiel.  
Er schüttelte diese Gedanken ab und wandte sich seinen Notizen zu. Mili hatte von einer breiten Treppe gesprochen. Die jemand nicht geschafft hatte hinaufzukommen. Im Laufe von Milis Geschichte war ihm die Vermutung gekommen, dass dieser jemand Erduan sein könnte, der Holzspezialist, von dem sie ihm schon viel berichtet hatte. ‚Angrenzend ans Kulturzentrum eine breite Treppe…‘ damit konnten eigentlich nur die Stufen zur Universität hoch gemeint sein.
Das Mittagessen nahm er bei seinen Freunden ein. Toni traf die Vorbereitungen, er schälte die Kartoffeln und schnitt sie in Stängel, rüstete den Salat und machte Wasser für die Würste heiß. Als Ute kam, erhitzte sie Öl im Wok und frittierte die Kartoffeln zu hausgemachten Pommes, die Lieblingsspeise ihrer drei Kinder.
Nach dem Mittag ging Toni wieder zum Spielplatz. Dort stieß er auf die Vertiefung eines zugeschütteten Brunnens. Er fand darin Kleider. Er verdächtigte die Kinder und pfiff sie her. Die ließen sich aber nicht so leicht von ihrem Spiel ablenken. Beim Wäscheständer sah er, dass alle seine Kleider noch dranhingen. Es musste sich also um alte, abgelegte Kleider von ihm oder von Othmar handeln.  Gegen drei war alles trocken. Er hängte die Wäsche ab, faltete sie und verstaute sie in Marks Schränken im Bus. Den Ständer brachte er ins Haus zurück. Er schrieb einen Zettel an Ute und Othmar, mit Gruß und Dankeschön.

Toni parkte etwas weiter drüben als am Vortag. Er empfand eine leise Scheu vor dem Kulturzentrum. Die Erlebnisse vom Vortag mussten sich erst setzen, bevor er wieder dorthin konnte. Der zur Hochschule gehörige Parkplatz war immer noch voll. Er hatte zu warten, bis ein größeres Auto einen Platz freigab. Auf eine Stelle am Rand, mit der Schiebetür zum Grün, hätte er lange warten müssen. Deshalb fuhr er in die erste Lücke, die sich bot.
Er konnte sich einen Handwerksbetrieb in der Umgebung der Universität und des Kulturzentrums schlecht vorstellen. Der Lärm der Maschinen würde doch störend sein. Als er vor den breiten Stufen stand, entsprachen diese genau dem Eindruck, den er von Milis Beschreibung gehabt hatte. Er ging die Stufen hoch, vorbei an Studenten, die auf den Stufen saßen und sich unterhielten. Entweder waren sie nach ihrem Seminar noch nicht nachhause gegangen oder warteten auf eine frühabendliche Veranstaltung. Es herrschte eine entspannte Stimmung. Nichts von dem Stress und Druck, den er mit einem Hochschulstudium verband. Bei dem einem die Professoren und Assistenten immer eine Nase voraus waren und einem bis zur Erschöpfung fordern konnten. Pensum erfüllt, Feierabend, Verabredungen für den Abend treffen. Von einer Handwerker-Abteilung war nichts zu sehen. An den hiesigen Universitäten gab es nicht mal Creative-Writing, wie sollte da Woodcraft ein Studienfach sein. Er ging die Stufen wieder hinunter. Seitlich der Treppe, um einige Meter zurückversetzt, sah er ein Fenster. Neugierig, was das sein könnte, ging er näher und sah durchs Fensterglas einen Menschen an der Arbeit. Da steckte tatsächlich in einem Souterrain-Bau ein Schreiner. Der Mann hatte etwas Konzentriertes, schon fast Penibles an sich. Spontan empfand er keine Sympathie für ihn. Konnte das Erduan sein? Er hatte sich den weitgereisten Holzspezialisten ganz anders vorgestellt. Groß, kräftig, souverän. Der Mann, den er hier am Arbeiten sah, dagegen schien ein zäher Handwerker zu sein. Tonis Blick fiel auf seine Finger. Sie waren nur halb so dick wie die seinen. Zierlich, aber anscheinend doch sehr kräftig. Was er da in Arbeit hatte, erregte sofort Tonis Interesse. Als der Schreiner Toni bemerkte, öffnete er das Fenster. Er drehte das Möbel auf der Werkbank ihm zu. Ein Schrank aus warmem, rötlichem Holz. Die eine Tür war schon angeschlagen. Der Schreiner öffnete sie und schloss sie wieder. Innen hatte sie einen Spiegel. Außen war sie gewölbt und war aus wertvollem Maserholz geschaffen. Ohne Zweifel ein Wunder der Schreinerkunst.
Toni hätte gerne gewusst, ob er tatsächlich Erduan vor sich hatte. Er überlegte, wie er ihn ansprechen könnte. Er konnte ja nicht sagen, dass eine Frau im Fischkleid, die er im Bad eines stillgelegten Grand Hotels in einem Bündner Kurort kennengelernt hatte, ihm von seiner Zeit in Sibirien, China, Frankreich und Japan berichtet hatte. Stattdessem stellte er sich vor.
„Ich bin Toni, freut mich Sie kennen zu lernen.“ Und fügte hinzu. „Sie sind wirklich ein großer Künstler.“
Der Schreiner freute sich sichtlich über das Lob. Mit „Erduan“ stellte er sich vor.
Also doch. Eine leichte Gänsehaut zog sich Toni über den Rücken, da hatte er soeben einen weiteren Helden aus Milis Geschichten als reale Person kennengelernt.
„Sie fertigen das Möbel bestimmt auf Bestellung?“, fragte er interessiert.
Erduan sah ihn fragend an. Dann schüttelte er den Kopf und sagte betreten. „Wurzelmaser ist heutzutage nicht gefragt. Der Wiederverkäufer hat mir mitgeteilt: <Mit Wurzelmaser hat man vor zweihundert Jahren gearbeitet.> Und die anderen haben durchwegs gefordert, dass das Innere aus weißem Resopal sein müsse. Was für mich nicht in Frage kommt. Meine Hoffnung bleibt Japan. Meine Förderin will Bilder machen, wenn das Möbel fertig ist und in Japan nach einem Käufer suchen.“
„Da wünsche ich Ihnen viel Glück“, sagte Toni und verabschiedete sich.

Dass Maserholz nicht zeitgemäß sei, wollte Toni nicht in den Kopf. Gibt es etwas Wundervolleres, als diese wuchernden, von der Natur geschaffenen Bilder?, fragte er sich auf dem Weg zurück zum Parkplatz. Er verließ den noch immer vollen Parkplatz, um einen geschickteren Platz zu finden, auf dem er die Nacht verbringen konnte. AS

Dienstag, 19. Juni 2012

69 Prüfer Reinert

Er lag auf einer schmalen Matratze, eingeengt zwischen zwei Wänden. Das Bett in der Kajüte war nicht breiter gewesen, aber dort hatte er in einer Nische gelegen. Hier lag er am Boden eingeklemmt in der Dunkelheit. Es verging eine geraume Zeit, bis ihm zu Bewusstsein kam, wo er lag und warum er hier gelandet war. Aber just im Moment, als ihm die ganzen Geschehnisse wieder in Erinnerung kamen, spürte er, da war jemand in seiner Nähe. An der Fußseite saß eine Person und wartete, dass er ihr Aufmerksamkeit schenkte. Mili, es ist Mili, sagte er sich. Ein glühend heißes Verlangen überkam ihn. Doch wenn sie bei seinen Füßen saß, war sie wohl nicht des Liebesspiels wegen gekommen. Er bog die Schulter hoch, winkelte den Arm an und stützte den Kopf mit der Hand. Als Mili sicher war, dass er ihr zugewandt war, hob sie an, ihre Geschichte zu erzählen. Wie schafft sie’s nur, mir überall hin zu folgen?, fragte er sich und hörte ihr gebannt zu. AS

Schon über ein Jahr arbeitete er in dieser Firma. Mal hatte er anspruchsvolle Arbeit, mal Fleißarbeit. Ihm gefiel diese Mischung. Da die Firma ziemlich groß war, stand er mit vielen Kollegen und Kolleginnen in Kontakt, ein weiterer Grund sich am richtigen Arbeitsplatz zu fühlen. Von den Kolleginnen mochte er am liebsten die Frauen aus Bolschoi. Sie waren nicht zimperlich, konnten kräftig zupacken, erwiesen sich aber als gemütvoll und mochten deftige Witze. Zwar hatten sie auch ihre Zipperlein, zeigten deswegen aber nicht den ganzen Tag ein griesgrämiges Gesicht. Nur eines störte ihn – dass sie niemals aufbegehrten.
An dem Morgen, da Prüfer Reinert in die Firma kam, lief Erduans Arbeit nicht gut. Die Chefin folgte einem Plan, der seines Erachtens nicht in die Praxis umzusetzen war. Er plädierte für einen Rahmen, der die vielen kleineren Möbelteile umfasste und ihnen Stabilität gab. Die Chefin wollte von diesem Rahmen nichts wissen.
„Ohne den Rahmen drum herum, wird das Ensemble einen zu unruhigen Eindruck machen“, erklärte er ihr, als sie an diesem Morgen vorbeikam, zum x-ten Mal. „Der Hauptpunkt aber ist die mangelnde Stabilität. Wenn man das Ensemble im Raum verschieben möchte, wird sich der fehlende Zusammenhalt als hinderlich erweisen.“
Sie machte es ganz kurz: „Einen Rahmen will ich nicht!“
Er nickte unmutig. Durch dieses klare Nein war seine Hoffnung, sie doch noch überzeugen zu können, zunichte. Jetzt galt es zu überlegen, wie er einzelnen Elementen die stabilisierende Rolle eines Rahmens übertragen konnte. Im Moment überforderte ihn diese Frage. Mal ne Pause machen, sagte er sich, vielleicht geht es danach leichter. Die Pausenzeit war schon vorbei, als er in den Aufenthaltsraum ging.
Aus dem Regen geriet er unter eine überfließende Regenrinne. So kam er sich vor, als er in den Raum trat. Obwohl die Zeit außerhalb der Pause lag, war der Raum voll von Mitarbeitern. Die Bolschoias, die sonst die Pausenzeiten pünktlich einhielten, saßen gedrängt beieinander und wirkten irgendwie bedrückt, also gar nicht, wie er sie sonst kannte. Beim Spülbecken goss ein Kollege heißes Wasser in den Abfluss. Das Wasser gurgelte und spuckte. Dabei kamen Haufen von Abfällen, die man achtlos in den Siphon gespült hatte, zum Vorschein. Kaffeesatz, Gemüsereste, Brotstücke und sogar Notizzettel. Schafft ihr das denn mindestens jetzt weg?, lag ihm auf der Zunge zu fragen. Oder spült ihr’s einfach wieder runter? Er hielt sich aber auf Abstand, ging zur Kaffeemaschine und ließ sich eine Tasse einlaufen.
„Wie steht es denn jetzt mit dem Möbel, Rahmen oder kein Rahmen?“, wurde gefragt.
„Kein Rahmen“, sagte er trocken. Er stockte. Just fiel ihm der Name seiner Chefin nicht ein. Sein Gedächtnis war überaus eigenwillig. Wenn es jemandem nicht gut gesonnen war, verweigerte es den Dienst. Luisa, Luisa hieß sie. Er schaute auf die Uhr. Es war schon Viertel vor Zwölf. Den letzten Schluck trank er stehend. Ein Blick ins Waschbecken zeigte, den Haufen hatte niemand entfernt. Seine Aufgabe war das nicht.
Wie er gehen wollte, sah er einen Prüfer bei den Bolschoias. Dieser kontrollierte ihre Stundenhefte. Ludmilla, Saskia und Olga saßen da wie gelähmt.
„Schreibfehler, lauter Schreibfehler“, stieß dieser mit der unangenehmen, spitzen Stimme eines Pedanten hervor. „Das schreibt ihr alles neu. Davor gibt’s keinen Lohn!“ Mit dem Kugelschreiber strich er ihre Stunden durch oder riss sogar die Seite ein.
 „Nein, ojeh, das können wir doch nicht. Deutsch nicht Muttersprache“, riefen Olga und Saskia gleichzeitig. Ludmilla stand der Mund offen. Sie schien parallelisiert zu sein. Die Stimme klang gefühllos, als fehlte dem Prüfer die Fähigkeit zu empfinden überhaupt.
Erduan war im Begriff, an die Arbeit zurückzukehren. Er schaute aus Distanz zu. Es ging ihn ja nichts an. Aber dann wurde ihm die Vorgehensweise dieses Pedanten doch zu bunt. Er schätzte seine tüchtigen Kolleginnen, die er scherzhaft Bolschoias nannte. Ihnen wegen einer solchen Spitzfindigkeit den Lohn vorzubehalten, war eine Unverschämtheit. Er trat näher, ohne dass der Prüfer ihn bemerkte. Jetzt war ihm auch klar, warum die Kolleginnen sich außerhalb der Pause im Aufenthaltsraum aufhielten. Sie waren bestellt worden. Im Gegensatz zu anderen Mitarbeitern – wie ihm zum Beispiel – hielten sie sich nämlich strickt an die Zeiten.
Der Prüfer richtete sich auf und sah ihn skeptisch an.
„Wofür soll das gut sein?“, fragte Erduan so neutral wie möglich.
Der schien die Frage nicht zu begreifen. Er war wohl nicht gewohnt, dass man sein Urteil hinterfragte. Die Bolschoias sahen Erduan ängstlich an. Sein Eingreifen schien sie zu beunruhigen.
„Die Stunden sind geleistet worden“, sagte Erduan unbeirrt. „Was ändert das, wie sie geschrieben werden?“
Der Prüfer suchte nach einer passenden Antwort. „Es werden Kontrollen gemacht“, gab er in gewichtigem Ton zu bedenken. „Wenn da etwas nicht stimmt, sieht es für die Firma schlecht aus.“
„Ach so, konterte Erduan spitz, wenn das für die Firma so wichtig ist, dann muss man ihnen halt täglich eine halbe Stunde einräumen, um ihre Rapporte in Schönschrift zu schreiben. Auf jeden Fall gehört dies zur Arbeitszeit.“
Er stellte seine Tasse zu den andern ungespülten und schickte sich an, in den Fabrikraum zurückzukehren. Doch als er den Dreckhaufen in der Spüle sah, konnte er nicht vorbeigehen. Er holte den Mülleimer, stülpte sich eine Plastiktüte über die rechte Hand und beförderte den Dreck häppchenweise in den Eimer.
Am Ausgang traf er den Prüfer. Dieser trat ihm entgegen, anscheinend hatte er auf ihn gewartet.
„Wie meinen?“, sagte der Prüfer in einem Ton, der absolut nicht zu den akribischen Sätzen von davor passte.
Der will sich einschmeicheln, dünkte Erduan. Er schien an ihm interessiert zu sein. Das gab es wohl nicht oft, dass ihm jemand entgegentrat. Erst jetzt bemerkte Erduan, dass er ihn ja kannte. Das war ja der Frieder Reinert. Er hatte ihn gar nicht auf Anhieb erkannt. Im grauen Anzug wirkte er größer als sonst. Vor allem seine Augen wirkten riesig. Das kam von einer Brille, deren Gläser in einem ungewöhnlich breiten, flachen Rahmen steckten.
Damit er nebenraus nichts sieht, dachte Erduan.
Reinert reichte ihm ein Stück Schokolade. Ein Toblerone-Dreieck, mit einem linsenförmigen Loch in der Mitte. Er übergab es ihm irgendwie neckisch. Das löste die Spannung. Also ein bisschen Humor hat er doch, fand Erduan erleichtert. Da sie sich nun gegenseitig erkannt hatten, sprachen sie sich per Du an.
„Wie gefällt dir der Job?“, fragte er mit Schokolade im Mund.
Reinert strahlte. „Bin total happy“, sagte er. „Immer im Warmen. Stell dir vor, im Winter, wenn’s kalt ist draußen. Du gehst vom klimatisierten Auto in die geheizten Firmen.“ Doch mit einmal wurde er nachdenklich, fast trübsinnig.
„Weißt du, ich habe Krebs – am Ohr“, gestand der Prüfer. „Er drehte den Kopf zur Seite und fasste sich ans Ohrläppchen.
Erduan war gerührt, ob seiner Offenheit.
Reinert hielt ihm auch seine Hand hin und wies auf eine Vernarbung. „Probe entnommen, etwas entfernt“, bemerkte er lakonisch und stieß hervor. „Hat schon gestreut.“
„Das tut mir aber leid, sagte Erduan ehrlich. Trotzdem konnte er die Krankheit nicht als Entschuldigung für sein Auftreten gelten lassen. MLF

Donnerstag, 24. Mai 2012

56 Zwei marode Beine

Toni hatte noch viel zu korrigieren gehabt. Mili hatte seine – eigentlich auch ihre – Geschichte verworfen. Das hatte ihn ins Schlingern gebracht.
Diese Nacht wachte er gar nicht richtig auf, fühlte sich aber trotzdem sehr intensiv mit Mili verbunden. Wenn’s drauf ankam, konnte sie ihn auch eigenständig erregen, in sich einführen und zum Erguss bringen. Er wachte danach auf und wusste nicht recht, wieso er diese abklingende Erregung hatte und weshalb er dieses sinnliche Gesättigtsein verspürte.
Mit Rücksicht auf seine beschränkte Aufnahmefähigkeit hielt sie ihre Geschichte äußerst knapp. AS

Als Erduan in die Schreinerei kam, sah er gleich, dass mit dem langen, schwarzen Tisch etwas nicht stimmte. Er fiel nach hinten ab. Ob der Tisch nicht überhaupt viel zu lang war?, überlegte er, während er ihn bis zum Ende abschritt. Das Holz der Beine steckte in Messingbeschlägen, die oben mit der Tischplatte verschraubt waren und unten den Fuß bildeten. Nachdem er die Platte mit einem verstellbaren Bock unterstützt hatte, schraubte er das erste Bein ab. Der Beschlag funktionierte tadellos, aber das Holz erwies sich als komplett marode, sowohl beim ersten wie beim zweiten Bein. Ebenholz gab es noch genug, aber die Leisten waren alle etwas dünner. Egal, Hauptsache, das Holz war gesund. Sein Kollege Bert Schmiss eilte herbei und übernahm die Reparatur. So dass Erduan seine sonstigen Arbeiten nicht zur Seite legen musste. MLF

Dienstag, 27. März 2012

29 Der Zug des Herzens j


 „Es würde mich mal interessieren, was aus all den Stücken wird, die an meinem Platz zugeschnitten werden?“, fragt Erduan den Product Manager.
„Sie können mich gerne begleiten, wenn Sie interessiert sind. Ich muss sowieso etwas erledigen oben. Sollen wir gleich gehen?“, bietet dieser ihm an.
Erduan nickt mit Nachdruck.
Über einen langen Flur und einen Lift gelangen sie nach draußen und stehen unter einer lichten Überdachung vor einem Wirrwarr von Stellwänden. Als in der Ferne jemand auftaucht, tritt sein Begleiter unvermittelt in eine der Öffnungen. Kurze Zeit später hört Erduan von drinnen ein Wiehern und noch eines. Die Person in der Ferne scheint darauf zu reagieren, sie verschwindet ebenfalls in dieser labyrinthartigen Anlage.
Nach einer Zeitspanne kehrt der Product Manager zurück. Er trägt den Kopf eines Pferdes, samt Hals unter dem Arm. Erduan starrt halb misstrauisch, halb bewundernd auf diesen Kopf eines schönes silbergrauen Araberpferdes. Aufgrund des Wieherns, hat er geschlossen, dass es sich bei dieser Anlage um eine Pferdestallung handelt. Der Pferdekopf irritiert ihn.
Der Begleiter nimmt jetzt einen der Eingänge und winkt ihm zu folgen. Ein leises Schauern überkommt Erduan, als sie die labyrinthische Anlage betreten. Die hohen Wände lassen keinerlei Überblick zu. Nach wenigen Abzweigungen hat er schon jede Orientierung verloren. Der Begleiter bleibt schließlich vor einer unauffälligen Tür stehen. Er stellt den Pferdekopf mit dem Halsquerschnitt auf den Boden und schließt die Türe auf. Erst jetzt erkennt Erduan in diesem Kopf eine überdimensional große Springerfigur. Sie betreten einen einfachen Raum. In der Mitte des nur etwa zehn Quadratmeter großen Raumes steht ein einfacher Tisch, die Wand linkerhand ist von einem Regal verdeckt. Das ist die ganze Möblierung. Der Tisch ist aus hellem Birken- oder Ahornholz gefertigt. Die schlichte Platte überragt kaum die Zargen, die den vier glatten Beinen Stabilität geben. Sein Blick fällt auf ein Buch, das flach im Regal liegt. Das Cover ist aufwändig gestaltet, mit reliefartigen Vertiefungen. Er nimmt das Buch aus dem Regal und legt es auf die Tischplatte. Sodann schließt er die Augen und ertastet mit den Fingerspitzen die vielfältigen Formen. Dann schlägt er es auf und liest. ,Dem interessierten Leser erschließt dieses Buch viele Weisheiten und Geheimnisse‘.
Erduan zweifelt nicht, dass es sich um ein kostbares Buch handelt. Trotzdem schaut er skeptisch auf das Buch. Soll ich mir das wirklich antun, in diesem Buch zu lesen?, fragt er sich. Zum Product Manager gewandt, äußert er.
„Was nützen mir Weisheiten? Da werde ich doch bloß zu einem Stubengelehrten, zu einem Sophisten.“
Der Begleiter macht einen verwunderten Eindruck. Anscheinend kann er Erduans Zurückhaltung nicht verstehen.
Mehr seinem Begleiter zuliebe nimmt Erduan das Buch mit.
Aber das Buch hat eine große Wirkung auf ihn. Schon am Tag drauf – das Wochenende ist gekommen – geht er zum Bahnhof und steigt in den Zug ein. Der Zug trägt die Aufschrift le train du coeur und fährt nach Paris. MLF

Montag, 26. März 2012

29 Der Zug des Herzens i

Durch ein Labyrinth aus Hecken irrt Toni. Er geht und geht und kommt doch nie ans Ziel. Zwischendurch hört er fremdartige Laute. Doch wenn er stehen bleibt und horcht, sind die Rufe schon verhallt und er fühlt sich noch orientierungsloser als zuvor. Schließlich landet er in einer Sachgasse, die den Zuschnitt eines Zimmers hat. Die Mitte nimmt eine breite, niedere Hecke ein. Sie ist wie ein Bett geformt. Er kann nicht mehr und legt sich darauf. Das Bett ist ziemlich piksig, doch die Erschöpfung zieht ihn in den Schlaf. In dem Moment wacht er in seinem wohlig weichen Bett auf – endlich erlöst. Doch dann sieht er, dass Mili nicht da ist. Die ganze Einsamkeit des Labyrinths umklammert ihn von neuem. Da entdeckt er ihr Ohr. Es ragt aus der Decke hervor, hinter der sie sich versteckt hält. Vom Glück der Befreiung überwältigt fällt ihr Toni in die Arme und sie lieben sich. Anschließend erzählt ihm Mili die folgende Geschichte. AS

In einer Nische aus Stellwänden schneidet er Plattenstücke auf Maß. Die Längen und Breiten, die zu sägen sind, werden per Digitalanzeige im oberen Bereich der vorderen Stellwand übermittelt. Es sind fünf Maß-Paare, die aufleuchten. Wenn er ein Stück zugeschnitten hat, löscht er dessen Maße per Knopfdruck und ein neues Paar wird unten dazugefügt. Er zieht die nächste Platte vom Rollwagen auf die Maschinenfläche. Von mehreren Saugnäpfen wird sie mittels Luft-Unterdruck fixiert. Je nach Ausrichtung tippt er erst das Längsmaß oder das Quermaß ein. Zwei rotierende Sägeblätter bewegen sich gleichzeitig, das eine besäumt, das andere schneidet auf Maß. Ein Hörschutz ist für eine solche Arbeit unverzichtbar.
Auf Einladung von Intrade (international trade and design) arbeitet Erduan vorübergehend in einem großen Produktionswerk in Frankreich mit. Nachdem sie ihm mit der Reise durch Japan ein solch tolles Erlebnis beschert haben, hat er nicht gewagt, diese Forderung abzulehnen.
„Aber wissen Sie, das sind monotone Tätigkeiten“, hat der Product Manager gesagt.
„Ich bin mir dessen bewusst“, hat Erduan darauf entgegnet und leer geschluckt.
Trotzdem ist er einmal mehr davon betroffen, was es heißt, Tag um Tag Stückzahlen zu machen. Schon bald ist die Vorstellung von dem, was aus diesen Teilen, die er da auf einen halben Millimeter genau ablängt, einmal werden soll, verschwunden. Da die Maße nicht immer zu den Platten passen, häuft sich im Eck seiner Nische ein ganzer Berg von Plattenresten an. Nach drei Seiten hin ist er an seiner Maschine abgeschirmt. Nur nach links nimmt er wahr, in was für einer riesigen Schreinerei er arbeitet. So langsam sollte er wissen, was mit den Resten zu tun ist. Da sind einige Arbeiter in seiner Nähe – hauptsächlich Ausländer. Aber er glaubt nicht, dass einer von ihnen ihm Auskunft geben kann. Dann kommt die Durchsage:
„Abschnitte entsorgen!“
Nun gut, wenn die das so anordnen. Mir soll es recht sein, sagt er sich erleichtert.
Als er in der Arbeitspause den Product Manager trifft, der ihm diese Arbeit ermöglicht hat, sieht er die Gelegenheit gekommen, mehr davon zu erfahren, woran er mitarbeitet. MLF

Donnerstag, 15. März 2012

23 In rundem Wagen durch Japan j

In das Wort ‚Japan‘ setzte Peter so viel Begeisterung, dass Erduan ihn verwundert anschaute.
„Meinst du nicht, dass du einen Begleiter brauchen könntest?“, fragte Peter, ihn von unten ansehend. „Die Kosten würde ich natürlich selber tragen.“
Wieder schluckte Erduan. Peter wäre ihm jetzt nicht gerade als Begleiter eingefallen. Konnte er sich überhaupt von seinen Spätzles und seinem Dinkelacker trennen?
Peter schien seine Bedenken zu erraten. Er richtete sich auf und fragte Erduan: „Bei der Vorbereitung auf die Fachprüfung, hab ich dich da etwa nicht unterstützt?“
Tatsächlich hatte Peter, der viel zielstrebiger gewesen war, ihm damals eine Menge geholfen. Das hatte sie einander nicht unbedingt näher gebracht. Aber ganz richtig, da könnte ich etwas gutmachen, sagte sich Erduan. „Wie flexibel bist du denn und wie lange könntest du frei nehmen?“, fragte er.
„Es wird ein Riesengeschrei geben“, sagte Peter mit einem verschämten Lachen. „Aber niemand ist unersetzlich. Ich glaube, ich habe einiges vorgeleistet und kann mir in dieser Firma schon mal ein Extra leisten.“
Die Consultin sah kein Problem darin, dass Erduan einen Begleiter mitbrachte. Den Flug musste Peter übernehmen, die restlichen Kosten trug die International Trade and Design, für die Erduan arbeitete.

Das Gefährt, mit dem sie die fernöstliche Insel erkundeten, war das ungewöhnlichste Fahrzeug, in dem Erduan jemals gesessen hatte. Es hatte die Form eines großen doppelten Tellers. Der obere Teller war in der Mitte gewölbt und hatte außen an die zehn Löcher, in denen je ein Passagier saß oder lag. In diesem ausgefallenen Fahrzeug durchquerten sie moderne Vorstädte, Landschaften mit Reisfeldern, traditionelle Dörfer, Pinienwälder….
Wenn Erduan an diese ungewöhnliche Reise zurückdachte, kam ihm immer als erstes die folgende Situation in den Sinn.
Rechts neben ihm in der Vertiefung lag Peter halb und saß halb und schaute zu ihm hinüber. Dabei fiel sein Blick auf Erduans Schwellkörper, der leicht erregt war und sofort auf den Blick reagierte und sich noch weiter aus der Decke hinaushob und dabei sichtbar wurde oder noch sichtbarer. Das war an sich schon ein sinnliches Erlebnis. Aber es wurde noch verstärkt durch die bizarren Eindrücke der japanischen Landschaft. Die Gegend, durch die sie in diesem Moment fuhren, waren dunkelgrüne Felder, zwischen schroffen Siedlungen, deren strenge Formen modern, ja futuristisch anmuteten. Dahinter ein grelles, gelb-weißes Abendlicht, das die Szenerie in ein Schwarzweiß-Bild mit starken Kontrasten verwandelte. Kurze Zeit davor musste es geregnet haben. Die Straße glänzte noch. Im stehenden Wasser spiegelten sich die Schatten der Gebäude, die Wolken und das grelle Licht.

Als Erduan seinen Werkkameraden später wieder traf, schilderte Peter diese Fahrt als das Eindrücklichste, was er neben gewissen Erlebnissen mit seiner Frau und seinen Kindern erfahren hatte. Für Erduan hielt dieses ungewöhnliche Land noch weitere Abenteuer bereit. MLF

Mittwoch, 14. März 2012

23 In rundem Wagen durch Japan i

Er konnte nicht einschlafen. Seine rechte Hand zitterte. Wie würde Mili sich verhalten, wenn sie bemerkte, dass jemand mit im Zimmer war? Sein jüngerer Cousin besuchte ihn überraschend, war die ganze Strecke mit dem Fahrrad gekommen. Er hätte ihn unmöglich am gleichen Tag nach Hause schicken können. Also schenkte er ihm klaren Wein ein. „Heute Nacht wird eine Frau kommen. Wenn du nicht mucksmäuschenstill bist, warst du das letzte Mal mein Gast.“ Der junge Mann lief puterrot an, seine Augen glänzten. Dann schlief Toni doch ein. Als er erwachte, glaubte er, eine Geisha säße neben ihm. Ein Stück Vorhangstoff als wallendes Gewand drapiert, das Haar hochgesteckt, die Nase flacher als sonst, die Augen schlitziger – was für eine Verwandlungskünstlerin. Als würde sie es darauf angelegen, bei dem jungen Mann den Sinn für weibliche Schönheit zu wecken, ließ sie den Stoff langsam fallen, drehte sich umständlich nach links und nach rechts, damit er im Schein des Stadtlichts auch gewiss ihre schönen Konturen sah. Dann erst schlüpfte sie zu Toni und gehörte ihm ganz. Ihm schien aber, dass Mili etwas weniger laut war als sonst. Beim Frühstück musste Toni seinen Cousin nur anschauen, da wusste er, dass dieser im entscheidenden Moment nicht geschlafen hatte.
Doch natürlich hatte Mili auch eine Geschichte erzählt. AS

Die japanische Consultin lud Erduan zu einer Erlebnisfahrt durch Japan ein. Für ihn als Bewunderer von Stil und Künsten Nippons ging damit ein langjähriger Traum in Erfüllung. Dass ihn dabei Peter, sein früherer Kamerad bei der Werkausbildung, begleitete, ergab sich durch einen Zufall.
Erduan, ganz glücklich mit seiner Entscheidung für Wood-Spots, der einfacheren Lösung für sein neues Arbeitsfeld [22, Modernes Studio bei Staus] erhielt am frühen Abend Besuch in der Falterstraße. Als er auf das Klingeln die Tür öffnete, stand ihm Peter, sein alter Werkkamerad, gegenüber.
„Peter, ja so eine Überraschung, komm rein.“
„Ich habe gehört, dass du im Land bist, sagte dieser zögernd. Da habe ich gedacht, ich schau mal vorbei. Du machst dich ja ziemlich rar inzwischen.“
Sie drückten sich die Hand.
Erduan schenkte Peter gerade ein Bier ein, als die Japanerin anrief. Peter ging solange ans Fenster. Als Erduan sich wieder zu ihm gesellte, wies Peter auf den Hügel am Horizont. „Das ist die Achalm und dahinter liegt Pfuhlen, wo wir wohnen.“
Wenn Erduan auch nur wenig Austausch mit seinem früheren Kamerad pflegte, so wusste er doch, wo er sich niedergelassen hatte und dass er dort bei einer Firma die Produktion überwachte. Er entschuldigte sich. „Das ist ein wichtiger Anruf gewesen. Die Frau hat von weither angerufen. Ich habe sie nicht auf später vertrösten können. – Und wie geht es dir? Was macht Jeanette und die Kinder – warte, Nadine und Philippe?“
„Nadia“, korrigierte Peter. „Ja, die beiden schlagen sich ganz wacker, nur dass man sie kaum noch sieht. Aber ist ja besser so, als wenn sie keine Freunde hätten.“
„Und die Produktion – ein neues Programm?“, fragte Erduan weiter.
Peter gab Antwort, aber irgendwie schien er verstimmt. Es entstand eine Pause, die Erduan nicht richtig einzuschätzen wusste. Sein Kamerad hatte etwas Gewicht zugelegt. Kein Wunder, wenn man alles erreicht hatte, Familie, eigenes Haus, solider Job.
Nach einer Weile stieß Peter hervor. „Irgendwie finde ich das ungerecht. Du bist erst in Sibirien, dann in China, fliegst mal kurz nach Hause und jetzt wirst du auch noch nach Japan eingeladen. Während ich das ganze Jahr…“
„Aber, ihr fährt doch jeden Sommer ans Meer. Und warst du nicht letzten Winter beim Skifahren?“, unterbrach ihn Erduan.
„Ja, schon, aber…“
„Was aber? Glaubst du, dass ich in diesen Ländern auf Abenteuerreise bin?“, rechtfertigte sich Erduan. „Gerade hänge ich total in der Luft. Was ich denen vorgeschlagen habe und wofür ich verdammt nochmal ein halbes Jahr lang auf Trab war, haben sie die Gass runter geschoben. Und jetzt wollen sie etwas, von dem ich noch nicht mal ne Vorstellung habe. Na, stimmt nicht ganz, langsam nimmt es Konturen an. Ich will nicht jammern, aber ich möchte dir verständlich machen, dass ich nicht aus Spaß reise, zu diesen verschiedenen Plätzen in der Welt.“
„Aber das, wovon ihr gerade am Telefon gesprochen habt, hat sich nach Urlaub angehört oder nicht?“, beharrte Peter.
Erduan schluckte. Er war nahe daran zu sagen, das geht dich nichts an. Aber eigentlich sollte er sich doch freuen, dass Peter Interesse zeigte und nicht wie ein Dörfler (der negativen Art) alles ausblendete, was mehr als zehn Kilometer entfernt lag. Er fasste sich und ließ Peter an seiner freudigen Überraschung teilhaben. „Die Frau ist wirklich eine Glückskarte für mich. Erst hat sie mich aus dem Dreck gezogen, indem sie mir ein neues Projekt angeboten hat und jetzt lädt sie mich auch noch nach Japan ein. Du musst nämlich wissen, dass ich ein Japanophiler bin.
„Japan“, stieß Peter hervor, „Japan“. MLF

Dienstag, 13. März 2012

22 Modernes Studio bei Staus j

Im Einzigen, was vom Laden alt geblieben ist, einem Schaufenster auf tieferem Niveau, liegt eine junge Frau. Erduan wird durch ein Wimmern auf sie aufmerksam. Was hat sie denn, fragt er sich. Er spürt, wie sein Berater unruhig wird. Als er aufsteht, um ‚Bruno‘ zu helfen, sieht er sie da unten liegen. Das Wimmern wird stärker, schließlich heult sie laut. Zusammen mit einer Kollegin holt sie sein Berater aus der Vertiefung hervor. Sie schicken Henriette – so nennen sie sie – nach Hause. Das wird sicher das Beste sein. Die Spannung in diesem Laden überfordert so eine Person. Er fühlt sich selber schon ganz kribbelig.
Der Berater führt ihn jetzt zu einem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes. Das Gespräch intensiviert sich. Nebenher wird Erduan fotografiert.
„Beachte mich nicht. Verhalte dich wie immer“, beruhigt ihn die Fotografin. Hier spricht man sich ausschließlich mit ‚du‘ an. Wenn das so einfach wäre, vor dem Apparat entspannt zu bleiben. Das kann er sich zwar vornehmen, aber da er weiß, was dabei rauskommt, verspannt er sich eben doch. Selbst der Spiegel ist gnädiger.
Sein Berater geht weg. Erduan arbeitet selber am Text weiter. Aber er spürt, dass er damit nicht zu Potte kommen wird. Da er gleich nebenan wohnt, ist das ja kein Problem. Er bündelt seine Entwürfe und nimmt auch die Espresso-Tassen mit. Es haben sich schon zwei angesammelt.
Auf dem Weg zum Ausgang sieht er, dass Henriette noch da ist. Sie will zu ihm. Ein Mann in schwarzen Kleidern ist bei ihr. Der macht einen seriösen Eindruck. Wahrscheinlich ihr Begleiter, wie bei Kindern mit Lernbehinderung in der Schule. Erduan sieht, wie sie nach seiner Aufmerksamkeit giert. Ihm ist jetzt klar, dass sie im Schaufenster versucht hat, seine Beachtung zu gewinnen.
Bei der Theke am Abgang sind zwei Tassen doch zu viel. Er trinkt die eine aus. Der Theke gegenüber, im erhöhten Eck, sind ein paar Tische. Zu dritt sitzen sie dort beim kreativen Entspannen. Bruno ist auch dabei.
„‘Frosch schlürfen‘, kann man das sagen? Passt das?“, fragt der Smarte, der ihn mit einem ‚Hi‘ empfangen hat.
Erduan lehnt sich an die Theke und überlegt. „Vom Frosch isst man die Schenkel“, dabei klopft er sich auf die Beine. „Eine Schnecke schlürft man aus, aber beim Frosch muss es beißen heißen. – Und doch, warum nicht? ‚Frosch schlürfen‘ klingt jedenfalls poetischer. Ich würde es lassen.“
Die drei nicken zufrieden.
Am nächsten Tag, als Erduan die Espresso-Tasse zurückbringt und sie ihn erwartungsvoll ansehen, zögert er. Aber was bringt es, ihnen die Wahrheit vorzuenthalten. Also sagt er, wie es ist. „Ich habe diese Nacht kaum geschlafen. Ihr Wood-Press bietet mir zu viele Möglichkeiten. Also habe ich mich jetzt für das einfachere Wood-Spot entschieden. Das ist natürlich beschämend. Aber so ist es.“
Sein Berater ist sichtlich enttäuscht. Erduan hofft auf einen Spruch, wie. Ja, sammle erst mal Erfahrungen mit Wood-Spot, danach bist du bei uns genau richtig. Aber es kommt nichts.
Draußen fällt ihm ein, das mit dem Schlafen könnte auch am Espresso gelegen haben. MLF