Mittwoch, 4. Juli 2012

80 Begräbnis des Schwarzen

Die Nacht hatte er oben auf der Degerhöhe verbracht. Aber es waren unruhige Stunden gewesen. Ihm kam es vor, als sei er die ganze Nacht am Rangieren gewesen. Da hatte ein Stück weiter zurück etwas auf der Straße gelegen. Unschlüssig, ob er es aufnehmen sollte, war er vorbeigegangen. Dann war er in die Bahn im Wald gestiegen und nach unten gefahren. Den Schlaf, den er oben vermisst hatte, holte er auf der Sitzbank nach. Mit dem Ergebnis, dass er ganz unten landete.
Als er die Station verließ, traute er seinen Augen nicht. Die ganze Stadt lag am Hang über ihm, mit ihren unzähligen Häusern. Er sah fast ausschließlich Grau, von Mauern und Schieferdächern hauptsächlich. Seine spontane Frage war: Wie komme ich da je wieder hoch?
„Mit der Füße Kraft!“, sagte er laut und fing an, zügig auszuschreiten. Aber gegen später stieg er dann doch in einen öffentlichen Bus und ließ sich ein gutes Stück hochbefördern. Kurz vor dem Ziel hatte sich die Tasche einer älteren Dame mit ihrem ziemlich großen Schirm verheddert. Er nahm sich der Sache an und versuchte den Knoten zu lösen. Aber mit wenig Erfolg. Schließlich musste er klein beigeben, denn der Bus war am Ziel angelangt.
Kaum zuhause angekommen, er hatte die Rollläden hochgezogen und die Fenster zum Lüften geöffnet, da klingelte es an der Tür. Er stieg die Treppen hinab und öffnete. Ein dunkel gekleideter Herr mit Krawatte fragte:
Sind Sie … … ?
Er nickte. Am Straßenrand stand ein schwarzer Wagen mit dem typischen Aufbau der Begräbnisfahrzeuge. Ihm war mulmig zu Mute. Er folgte dem Bestatter. Dieser öffnete die Klappe und zog einen Sarg auf Rollen ein Stück weit heraus. Der Leichenbestatter öffnete den Deckel. Ein Schwarzer.
Langsam kam die Erinnerung. Es lag schon ziemlich lange zurück. Markstände von Fahrenden. Dort hatte er auch Farbige kennengelernt. Ein Schwarzer war dabei gewesen – ohne Zweifel ein Hombscher. Mit ihm hatte er geflirtet, aber nicht mehr. Er hatte ihm Briefe geschrieben. Doch dann hatte er vor dem Schließen Zecken und Flöhe darin entdeckt - weil es bei ihm von diesen Biestern wimmelte. Er konnte nicht sicher sein, dass sie nicht in den Umschlag gerieten. Deshalb hatte er es schließlich unterlassen zu schreiben. Woran mochte der Schwarze gestorben sein? Er wandte sich an den Leichenbestatter.
„Können Sie mir sagen, was zu seinem Ableben geführt hat?“, fragte er.
Der Bestatter schaute ihn befremdet an. Er gab keine Antwort. Womöglich hatte er diese Frage ihm stellen wollen.
Einen Moment lang überlegte er, ob er den Sarg nicht einfach zurückweisen sollte. Aber er verwarf diesen Gedanken sofort. Der Leichenbestatter half ihm den Sarg in den Garten zu tragen. Zurück beim Wagen ließ er ihn einen Zettel unterschreiben. Dann fuhr er davon.
Im umfriedeten Garten stand ein Gebäude, das der Form nach einer Kapelle ähnelte. Der nach vorne offene Raum war innen weiß getüncht. Dies schien ihm ein würdiger Ort, um den unglücklichen Schwarzen beizusetzen.
Warum hatte er sich nicht in der Zandsch-Siedlung begraben lassen? Warum bei ihm? Das verstand er nicht. Aber er wollte dem Toten seinen Wunsch nicht absprechen. Er hob das Grab aus. Bevor er den Sarg hinuntergleiten ließ, öffnete er nochmal den Deckel und machte ein Bild von dem Toten. Dann versenkte er den Sarg und warf Erde darüber. Am Schluss streute er Kalk über den Begräbnisplatz. Das Bild ließ er drucken und in einen Rahmen einschweißen und legte es auf das Grab. Er stellte einen Stuhl in den offenen Raum und wenn er etwas Zeit hatte, setzte er sich zum Grab des Schwarzen. Er fing an sich Gedanken zu machen. Zum Beispiel fragte er sich, was der Schwarze ihm damit sagen wollte, dass er sich von mir begraben ließ?
Einmal glaubte er eine Stimme zu hören.
„Und das alles, weil du nicht Koch sein willst oben.“
Ihm war, als hätte der Tote zu ihm gesprochen. MLF

Dienstag, 3. Juli 2012

79 Im Schatten der Universitätstreppe


Beim überdachten Spielplatz draußen hängte er die Wäsche auf. Was in der Maschine gewesen, passte genau auf den klappbaren Ständer, den seine Freunde sonst im Haus einsetzten. Es ging ein leichter Luftzug, ideal zum Wäschetrocknen. Er beschwerte den Ständer mit zwei Steinen.
Diese Nacht hatte Toni auf dem Platz vor Othmar und Utes kleinem Haus geschlafen und am Abend ihre Waschmaschine befüllt.
Drüben im Park der angrenzenden Villa, sah er Reichmuth. Er ging auf dem schön angelegten Weg und begrüßte ihn bei der Hintertreppe. Toni war früher ein gern gesehener Gast bei Reichmuth und seiner Frau gewesen. Aber seit ihm die Bedürftigkeit ins Gesicht geschrieben stand, zeigten sie sich skeptisch ihm gegenüber.
„Hallo Reichmuth, wie geht’s?“, fragte Toni.
Dieser schaute verstohlen an ihm vorbei. Seine Frau hatte ihm untersagt, sich noch auf Toni einzulassen. Er schaute, wo sie steckte. Der Carport war leer, sie war einkaufen gefahren. Der Privatier entspannte sich und fragte:
„Und selber?“
„Gestern habe ich was ganz Absonderliches erlebt“, berichtete Toni. „Ich war im Aufenthaltsraum des Kulturzentrums – du weißt, da rechts, wenn man reinkommt – wie ich da sitze und über meinen Notizen brüte, kracht es plötzlich aus dem Radio. Zwei Knaller hat’s getan. Ich habe mir ein Kissen vors Gesicht gehalten.“
„Wieso ein Kissen?“, fragte Reichmuth.
„Wegen möglichen Splittern.“
In dem Moment fuhr die Frau zu. Sie mussten Schluss machen. Da fiel Toni auf, dass Reichmuth am Unterbauch etwas rausstehen hatte. Er bückte sich, und entdeckte statt eines Pimmels einen Zapfen. Der war wie bei einem Fass etwa eine halbe Spanne lang und am Ende knubbelig.
Reichmuth musste Tonis Befremden gespürt haben, denn er sagte in beleidigtem Ton. „Ihr mit eurem Gschiss um euren Pimmel!“ Er fühlte sich sichtlich hintergangen.
„Nein, so ist es nicht gemeint“, entgegnete Toni ehrlich. „Ich dachte nur, du hättest was am Bauch.“
Als Reichmuths Frau mit ihren Einkaufstüten im Haus verschwand, kehrte Toni zum Transit zurück. Er wollte nicht, dass sein Freund – sie waren ja Freunde gewesen – Ärger bekommen würde.
Im Bus klappte er die Tischplatte hinunter, rückte das Papier zurecht und wollte anfangen zu schreiben. Aber so richtig war er nicht bei der Sache. Komisch, fragte er sich. Hat nur Reichmuth einen Zapfen? Oder haben das vielleicht alle Begüterten? Er hatte den Stöpsel bei Reichmuth nur zufällig gesehen, weil er so leicht bekleidet war. Er kannte noch andere Reiche und hatte bei allen die gleiche Reaktion auf seine Bedürftigkeit erfahren. Könnte es sein, dass die stete Sorge, alles, was man angesammelt hatte, zusammenzuhalten, auf Dauer zu einer organischen Umbildung führte? Ein Stöpsel, damit einem nichts verloren ging? Er nahm sich vor in Zukunft auf ihren Unterleib zu schauen. Aber nicht nochmal so, dass es auffiel.  
Er schüttelte diese Gedanken ab und wandte sich seinen Notizen zu. Mili hatte von einer breiten Treppe gesprochen. Die jemand nicht geschafft hatte hinaufzukommen. Im Laufe von Milis Geschichte war ihm die Vermutung gekommen, dass dieser jemand Erduan sein könnte, der Holzspezialist, von dem sie ihm schon viel berichtet hatte. ‚Angrenzend ans Kulturzentrum eine breite Treppe…‘ damit konnten eigentlich nur die Stufen zur Universität hoch gemeint sein.
Das Mittagessen nahm er bei seinen Freunden ein. Toni traf die Vorbereitungen, er schälte die Kartoffeln und schnitt sie in Stängel, rüstete den Salat und machte Wasser für die Würste heiß. Als Ute kam, erhitzte sie Öl im Wok und frittierte die Kartoffeln zu hausgemachten Pommes, die Lieblingsspeise ihrer drei Kinder.
Nach dem Mittag ging Toni wieder zum Spielplatz. Dort stieß er auf die Vertiefung eines zugeschütteten Brunnens. Er fand darin Kleider. Er verdächtigte die Kinder und pfiff sie her. Die ließen sich aber nicht so leicht von ihrem Spiel ablenken. Beim Wäscheständer sah er, dass alle seine Kleider noch dranhingen. Es musste sich also um alte, abgelegte Kleider von ihm oder von Othmar handeln.  Gegen drei war alles trocken. Er hängte die Wäsche ab, faltete sie und verstaute sie in Marks Schränken im Bus. Den Ständer brachte er ins Haus zurück. Er schrieb einen Zettel an Ute und Othmar, mit Gruß und Dankeschön.

Toni parkte etwas weiter drüben als am Vortag. Er empfand eine leise Scheu vor dem Kulturzentrum. Die Erlebnisse vom Vortag mussten sich erst setzen, bevor er wieder dorthin konnte. Der zur Hochschule gehörige Parkplatz war immer noch voll. Er hatte zu warten, bis ein größeres Auto einen Platz freigab. Auf eine Stelle am Rand, mit der Schiebetür zum Grün, hätte er lange warten müssen. Deshalb fuhr er in die erste Lücke, die sich bot.
Er konnte sich einen Handwerksbetrieb in der Umgebung der Universität und des Kulturzentrums schlecht vorstellen. Der Lärm der Maschinen würde doch störend sein. Als er vor den breiten Stufen stand, entsprachen diese genau dem Eindruck, den er von Milis Beschreibung gehabt hatte. Er ging die Stufen hoch, vorbei an Studenten, die auf den Stufen saßen und sich unterhielten. Entweder waren sie nach ihrem Seminar noch nicht nachhause gegangen oder warteten auf eine frühabendliche Veranstaltung. Es herrschte eine entspannte Stimmung. Nichts von dem Stress und Druck, den er mit einem Hochschulstudium verband. Bei dem einem die Professoren und Assistenten immer eine Nase voraus waren und einem bis zur Erschöpfung fordern konnten. Pensum erfüllt, Feierabend, Verabredungen für den Abend treffen. Von einer Handwerker-Abteilung war nichts zu sehen. An den hiesigen Universitäten gab es nicht mal Creative-Writing, wie sollte da Woodcraft ein Studienfach sein. Er ging die Stufen wieder hinunter. Seitlich der Treppe, um einige Meter zurückversetzt, sah er ein Fenster. Neugierig, was das sein könnte, ging er näher und sah durchs Fensterglas einen Menschen an der Arbeit. Da steckte tatsächlich in einem Souterrain-Bau ein Schreiner. Der Mann hatte etwas Konzentriertes, schon fast Penibles an sich. Spontan empfand er keine Sympathie für ihn. Konnte das Erduan sein? Er hatte sich den weitgereisten Holzspezialisten ganz anders vorgestellt. Groß, kräftig, souverän. Der Mann, den er hier am Arbeiten sah, dagegen schien ein zäher Handwerker zu sein. Tonis Blick fiel auf seine Finger. Sie waren nur halb so dick wie die seinen. Zierlich, aber anscheinend doch sehr kräftig. Was er da in Arbeit hatte, erregte sofort Tonis Interesse. Als der Schreiner Toni bemerkte, öffnete er das Fenster. Er drehte das Möbel auf der Werkbank ihm zu. Ein Schrank aus warmem, rötlichem Holz. Die eine Tür war schon angeschlagen. Der Schreiner öffnete sie und schloss sie wieder. Innen hatte sie einen Spiegel. Außen war sie gewölbt und war aus wertvollem Maserholz geschaffen. Ohne Zweifel ein Wunder der Schreinerkunst.
Toni hätte gerne gewusst, ob er tatsächlich Erduan vor sich hatte. Er überlegte, wie er ihn ansprechen könnte. Er konnte ja nicht sagen, dass eine Frau im Fischkleid, die er im Bad eines stillgelegten Grand Hotels in einem Bündner Kurort kennengelernt hatte, ihm von seiner Zeit in Sibirien, China, Frankreich und Japan berichtet hatte. Stattdessem stellte er sich vor.
„Ich bin Toni, freut mich Sie kennen zu lernen.“ Und fügte hinzu. „Sie sind wirklich ein großer Künstler.“
Der Schreiner freute sich sichtlich über das Lob. Mit „Erduan“ stellte er sich vor.
Also doch. Eine leichte Gänsehaut zog sich Toni über den Rücken, da hatte er soeben einen weiteren Helden aus Milis Geschichten als reale Person kennengelernt.
„Sie fertigen das Möbel bestimmt auf Bestellung?“, fragte er interessiert.
Erduan sah ihn fragend an. Dann schüttelte er den Kopf und sagte betreten. „Wurzelmaser ist heutzutage nicht gefragt. Der Wiederverkäufer hat mir mitgeteilt: <Mit Wurzelmaser hat man vor zweihundert Jahren gearbeitet.> Und die anderen haben durchwegs gefordert, dass das Innere aus weißem Resopal sein müsse. Was für mich nicht in Frage kommt. Meine Hoffnung bleibt Japan. Meine Förderin will Bilder machen, wenn das Möbel fertig ist und in Japan nach einem Käufer suchen.“
„Da wünsche ich Ihnen viel Glück“, sagte Toni und verabschiedete sich.

Dass Maserholz nicht zeitgemäß sei, wollte Toni nicht in den Kopf. Gibt es etwas Wundervolleres, als diese wuchernden, von der Natur geschaffenen Bilder?, fragte er sich auf dem Weg zurück zum Parkplatz. Er verließ den noch immer vollen Parkplatz, um einen geschickteren Platz zu finden, auf dem er die Nacht verbringen konnte. AS

Montag, 2. Juli 2012

78 Knaller aus dem Radio


Er saß in einem Sessel und bearbeitete die Notizen von Milis Geschichte. Im Eck des sonst leeren Bereichs stand ein Radio. Plötzlich hörte er einen lauten Knall, so laut, dass ihn die Ohren schmerzten und noch einen. Er vermutete, dass es im Radio geknallt hatte. Und tatsächlich, es krachte weiter und bei jedem Knall sah er Funken aus der Vorderseite des Geräts sprühen. Er hielt sich ein Kissen vors Gesicht, für den Fall, dass das Radio explodierte und Splitter durch die Luft fliegen sollten.
Dies widerfuhr ihm im Aufenthaltsraum des Kulturzentrums von Eschenbach, in das er sich zuweilen begab, wenn er des mobilen Zimmers aus Blech überdrüssig war. Im selben Komplex gab es auch eine Bibliothek, einen Kindergarten und viele Einrichtungen mehr. Außerdem weitläufige Flure, in denen es im Sommer kühl und im Winter warm war. An den Komplex angrenzend führten breite Stufen zum Universitätsgelände hoch.
Hinter der Stellwand, die den Bereich, in dem Toni sich aufhielt, abtrennte, war es leise geworden – davor hatte er Stimmen gehört. Er machte sich Sorgen, dass den andern im Raum etwas zugestoßen sein könnte. Als das Gerät verstummt war, legte er das Kissen weg, stand auf und ging in den angrenzenden Bereich. Hier traf er auf zwei Männer, die auf sein Kommen gewartet zu haben schienen. Ihre Kleidung war unauffällig, Chinohose und Hemd mit offenem Kragen. Das einzig Besondere an Ihnen war, dass sie sich so ähnlich sahen. Nicht gerade wie Zwillinge, aber von der Größe und von der Haltung doch eng verwandt.
„Haben Sie das gehört?“, stammelte Toni. „Es hat im Radio geknallt.“
Kein Zweifel, dass sie’s gehört hatten. Sie gingen jedoch nicht darauf ein, sondern luden ihn ein, am Tisch Platz zu nehmen. Er folgte ihrer Einladung und setzte sich - vielleicht wussten sie ja den Grund für diese Knaller. Sie nahmen ihm gegenüber Platz. Er blickte sie an und wartete auf eine Auskunft. Doch statt auch nur mit einem Wort auf den Vorfall einzugehen, konfrontierten sie ihn mit Fragen, auf die er völlig unvorbereitet war.
„Gott – was soll das? Zu was soll der gut sein? Wie stellst du dir den eigentlich vor?“, fragte derjenige, der ihm direkt gegenüber saß und im Sitzen etwas größer war als sein Partner. Der unterstützte ihn mit winzigen Bewegungen seiner Augen.
Toni war platt. Wie kamen sie auf Gott? Hatte er ein Wort in diese Richtung gesagt? Nicht dass er wusste. Er war so verblüfft, dass ihm buchstäblich der Mund offen blieb und er kein Wort hervorbrachte. Ihm war klar, dass die jedes Wort, das er sagte, durch den Dreck ziehen würden. Aber das war ihm egal. Er würde nicht verbergen, dass ‚Gott‘ ihm etwas bedeutete, dass ‚Gott‘ Sinn machte. Er fühlte sich sonderbar erstarken und glaubte gleichsam zu spüren, dass er am Wachsen sei. Vielleicht birgt diese Auseinandersetzung die Chance, dem was Gott bedeutet, näher zu kommen, sagte er sich.
Die beiden Männer warteten mit gehobenen Brauen auf seine Antwort. Doch dann schien ihnen die Antwort zu langen zu dauern. Sie standen auf. Der andere, der vorher geschwiegen hatte, sagte.
„Sie müssen diese Fragen nicht gleich beantworten. Doch wir würden uns freuen, wenn Sie sich Gedanken machen und uns diese bei … Er schaute auf seinen Begleiter. Da dieser sich nicht äußerte, fuhr er fort. … bei der nächsten Gelegenheit mitteilen könnten.“ Dann gingen sie auf die Tür zu und schickten sich an, den Aufenthaltsraum zu verlassen.
„Ja und das Radio?“, rief ihnen Toni nach. Doch seine Frage kam zu spät. Sie hatten schon die Tür hinter sich zugezogen und waren weg.
Nach diesen beiden Zwischenfällen, dem Defekt des Radios und die ihm unverständlichen Fragen, war die Voraussetzung für ein ruhiges Arbeiten nicht mehr gegeben. Vorsichtig ging er zum Sessel, steckte Papier und Schreibzeug in die Tasche und schlich sich am Radio vorbei nach draußen.

Es gab zum Glück noch andere Bereiche in dieser Gebäudeansammlung, in denen man ruhig arbeiten konnte. Allen voran die Bibliothek. Er schlenderte durch den Flur, von dem man in den begrünten Hof sah. Was sind das für Leute?, fragte er sich. Was wollen die von mir? Weil er sich einfach keinen Reim machen konnte, warum sie ihm diese sehr persönliche Frage gestellt hatten. Vielleicht waren sie Mitarbeiter einer humanistischen Vereinigung, die der Entmündigung durch religiöses Denken entgegenwirken wollte. Immerhin hatten sie ihn nicht gleich mit ihren doktrinären Gedanken überfallen, sondern ihm Zeit gegeben, sich auf ein Zwiegespräch vorzubereiten. Schon seltsam, dass er in dieser überraschenden Situation pro Gott reagiert hatte. Wäre die Frage im Laufe einer Diskussion über Gott und die Welt gestellt worden, so hätte er vielleicht gegenteilig reagiert und sich gegen den Gottesbegriff ausgesprochen. Es gibt keine sinnvolle Vorstellung von einem Fokus, von einer Einheit für den Menschen. Besser wir lassen’s und versuchen ohne diesen Begriff auszukommen. Aber im Moment der Überraschung hatte er spontan geglaubt, dass es etwas gebe, das – wenn auch nicht der ganzen Welt – so doch den Menschen oder sagen wir den willigen Menschen einen Halt und eine Richtung gibt.
Der Weg zur Bibliothek führte am Kindergarten vorbei. Er mied diesen, indem er einen Gang früher abbog und so einen Bogen um diesen unruhigen Ort schlug. Toni hatte gerade seine Jacke an die Garderobe gehängt, als ein Mann auf ihn zutrat, der auf ihn gewartet zu haben schien. Toni stellte fest, er war gar nicht mehr überrascht. Das Ungewöhnliche war für ihn schon zur Normalität geworden. Äußerlich zeigte dieser Mann eine unattraktive Figur. Ein Pykniker mit Hängeschultern und Bauchansatz – das glatte Gegenteil von einem Athleten. Beeindruckend war dagegen sein Kopf. Aus dem hintern Schädel wuchs der Kopf nochmal kräftig in die Höhe. Die Erhöhung sah aus wie ein zu Kopfmasse gewordener Turban. Er ging Toni voran in einen separaten Bibliotheksraum und schloss hinter ihnen die Tür. Toni war gespannt, womit ihn dieser hochköpfige Mann konfrontieren würde.
Der Mann begab sich in die Mitte des Raumes und kniete nieder – und zwar genau über dem Schachtdeckel – und fing an zu beten. Toni lehnte sich an ein Regal und hörte gebannt zu. Der Betende erhob sich mehrmals, kniete nieder, verbeugte sich und richtete sich wieder auf. Leider betete der Mann in einer fremden Sprache, so dass er ihn nicht verstehen konnte. Einzig die Zahl ‚zweiunddreißigtausend‘ hörte er aus dem Strom der Worte heraus. Er glaubte zu beobachten, wie die Gestalt des Knieenden sichtlich kleiner wurde während des Betens.
Nach dem Gebet stand der Mann auf, öffnete die Tür und verabschiedete sich von Toni.
Da er ihm keinerlei Erklärungen gegeben hatte, machte sich Toni Gedanken, wie es zu dieser Vorführung gekommen war. Er konnte sich nicht anders vorstellen, als dass dieser Hochköpfige in einem anderen Bereich des Aufenthaltsraums gesessen hatte und die Fragen am Tisch mitbekommen hatte. Anders konnte er sich diese gezielte Darbietung nicht vorstellen.

Noch jemand ging ihn an, an diesem Morgen. Das war allerdings ein Typ, den er schon oft in die Bibliothek hatte gehen sehen und dessen Leben aus Lesen zu bestehen schien. Äußerlich war er ziemlich verwahrlost, so dass Toni ihn anfänglich für einen Penner gehalten hatte und dann feststellte, dass er wohl eher so etwas wie ein ewiger Student war, jedenfalls ein Vielleser. Er war dünn, hatte aber im Gesicht etwas Schwammiges. Der näherte sich Toni im weitläufigen Flur. Er versuchte ihm auszuweichen, aber der Vielleser kam direkt auf ihn zu. Er wollte ihm etwas überbringen. Er streckte Toni einen prall gefüllten Rucksack entgegen. Toni erwartete, dass es ausgelesene Bücher seien und dachte, dass er das eine oder andere im Transit lesen könnte. Also nahm er den Packen an und versprach den Sack in den Bibliothekseingang zu legen. Worauf der Vielleser nickte und weiterging.
Toni warf sich den Rucksack über die Schulter und wollte zu seinem Wohnmobil gehen. Doch er wunderte sich, wie leicht der Rucksack war. Da stellte er ihn auf das Mäuerchen und öffnete den graugrünen Sack. Der Rucksack enthielt Zwieback. Der ganze Sack war prall gefüllt mit in Zellophantüten verpacktem Zwieback in unterschiedlichen, ausschließlich blassen Farben, vorwiegend gelb. Der Fettgeruch, fand er, war angenehm. Ansonsten reizten ihn diese Gebäcke überhaupt nicht.
Mit dem Rucksack hatte er nicht darauf geachtet, wo im Flur er sich aufhielt und war unweit vom Kindergarten stehen geblieben. Während er über den Rucksack gebeugt sich fragte, ob er eine Packung aufmachen solle oder nicht, spürte er plötzlich einen Stich an seinem Hintern und zwar genau dort wo der After war. Er drehte sich um und sah einen vorwitzigen Bengel, der ihm herausfordernd ins Gesicht sah.
Toni reagierte schnell, er fasste die Hand des Jungen und presste sie gegen ein Metallgerüst, das für Sanierungsarbeiten aufgestellt war. Er drückte nicht übermäßig fest, aber doch so, dass sich der Bengel erinnern würde, dass man sowas nicht macht. Etwas salopp sagte er, damit der Junge auch wusste, wofür er bestraft wurde. „Nicht so arg fleischig, das mag ich nicht.“
Der kleine Kerl war auch nicht auf den Mund gefallen. Bevor er wegrannte, drehte er sich um und sagte. „Nüsse essen ist gut für … - Sie wissen schon was.“ AS

Freitag, 29. Juni 2012

77 „Herr Wendy Nil“

Während er im Gruppenraum den Hahn am Spülbecken abschraubte und einen neuen, leichter zu bedienenden, montierte, wurde am Tisch hinter ihm heftig diskutiert. Er hörte, dass für einen Film über ihre Einrichtung viel Material gesammelt worden war, aber dass es nicht mehr weiter ging. Aufhören oder weitermachen war die Frage. Darüber wurde gestritten.
Toni jobbte in einem Pflegeheim, für das er früher viel gearbeitet hatte. Nachdem er von Marks Kasse einmal getankt und zweimal Lebensmittel gekauft hatte, war ihm nicht mehr wohl dabei gewesen, ausschließlich auf Kosten seiner Freunde zu leben. Deshalb hatte er bei der Einrichtung, für die er früher die sanitären Anlagen gewartet hatte, nachgefragt, ob sie einzelne Arbeiten für ihn hätten. Es kam die Antwort, dass es viel zu reparieren gäbe. So kam es, dass er sich um verschiedene Reklamationen im Sanitärbereich kümmerte, die der Hausmeister auf einer Liste notiert hatte. Ihm gefiel diese Arbeit, weil er viele vom Personal kannte, inklusive der Leitung und auch einige Bewohner. Deshalb ließ ihn auch nicht kalt, was er mitbekam, während er den Hahn austauschte.
Holger, ein Pfleger mit rundem, glänzenden Gesicht und stark gelichtetem Haar, sagte zu den anderen. „Die Szenen, die gedreht wurden, sind doch alles in allem unbefriedigend. Was soll man sich da noch Arbeit mit machen.“
„Was heißt‚ ‚alles in allem unbefriedigend‘?“, unterbrach ihn eine Neue, die Toni nicht kannte, scharf. „Du hast doch zu einigen Szenen gesagt, dass du sie gut findest, oder etwa nicht?“
Eli, eine blasse Pflegerin – sie schien ziemlich müde zu sein – ergriff für Holger Partei. „Ich finde auch, das alles macht nicht richtig Sinn.“
Toni fand diese Haltung falsch. Aber er hütete sich davor, sich einzumischen. Er hatte andere Aufgaben. Aber dann stand Thorsten auf und kam zu ihm her. „Hey Toni, du kennst doch unsere Einrichtung gut. Was denkst du, sollen wir versuchen das Projekt abzuschließen oder sollen wir es besser an den Nagel hängen?“
Toni wischte sich die schmierigen Hände am Lappen ab und lehnte sich gegen die Ablage. „Was soll ich dazu sagen? Ich weiß ja nicht mal genau, um was es geht“, stieß er hervor.
Thorsten erklärte ihm in kurzen Worten das Projekt. „Es sind viele Szenen gedreht worden. Sie haben alle etwas mit unserer Welt hier zu tun. Alles Mögliche, was hier so passiert. Du weißt, in unserem Haus geschieht viel Ungewöhnliches, Rohrbruch mit eingeschlossen. Es hat Spaß gemacht, es ist aber auch viel Arbeit gewesen. Jetzt gibt es einen Haufen Filmmaterial, das es in Form zu bringen gilt. Ich finde, es wäre schade, dies alles in einen Schrank einzuschließen. Was sagst du dazu? Wäre doch ein Jammer, das jetzt alles ad acta zu legen, findest du nicht?“
Toni zögerte. Was sollte er dazu sagen? Er wusste genau, wie es war in dieser Einrichtung. Letztendlich ging doch immer die Arbeit vor. Da mochte noch so viel künstlerischer Ehrgeiz vorhanden sein. Im Grunde ging es ihm genau so. Er hatte bei Milis Geschichten auch den Faden verloren. Die Arbeit, die er hier machte, hüllte ihre Erzählungen noch zusätzlich in Nebel. Er hätte sich am liebsten gar nicht geäußert. Aber da ihn Thorsten explizit fragte, ließ er sich zu einer Aussage verleiten. Er trat näher an den Tisch und sah jeden einzeln an.
„Leute, sagte er, die Einzelszenen sind alle gefilmt. Jetzt gilt es sich dranzuhalten. Es lohnt sich. Dann wird aus der Sache ein rundes Ganzes. Ich wette da steckt viel drin, hundertprozentig.“
Alle hörten ihm zu. Selbst Holger, der vorher für Beenden plädiert hatte, wirkte überzeugt.
Toni sagte nichts weiter und ging an seine Arbeit zurück. Doch hinter ihm klang es jetzt anders. Eine Gruppe von dreien wurde gebildet, sie sollte sich mit dem Schnitt beschäftigen.
Als er wieder zu einer Reparaturarbeit ins Heim kam, traten die drei, die den Schnitt übernommen hatten, auf ihn zu. „Der Film ist fertig geworden“, riefen sie gleichzeitig. Die Neue – Margit – hatte eine Hülle in der Hand. Thorsten sprach.
„Wir suchen jemand, der den fertigen Film zur Abgabestelle bringt.“
„Warum geht ihr nicht selber hin?“, fragte Toni.
„Bei unseren Dienstzeiten ist es schwierig“, entgegneten sie.
Das hörte sich für Toni eher wie eine Ausrede an. Aber er tat ihnen den Gefallen gern. Schließlich fand er es toll, dass der Film doch noch fertig geworden war.
Er nahm die schwarze Hülle entgegen und warf einen Blick hinein. Auf der Scheibe stand, ‚Filmprojekt Pflegeheim…‘ und das Datum.
Er bemerkte, ob man sich nicht einen etwas originelleren Titel einfallen lassen könnte.
Doch Margit hielt dagegen, dass man einen solchen jederzeit nachreichen könne, falls der Film Anerkennung finde.
Am Ende der Ortschaft stand das Haus, bei dem er das fertige Werk überreichen sollte. Er stellte den Transit auf eine der Parkflächen, die alle frei waren. Das Ortsende machte auf ihn den Eindruck, als sei dieser Ort schon vor einer Weile verlassen worden. Immerhin traf er eine Frau an der Tür. Aber sie schickte ihn mit einer Armbewegung nach hinten. Der Weg um das Gebäude herum führte in einen Turm und nach einem Rechtsknick im Innern wieder aus diesem hinaus. Vor dem Eingang draußen traf er auf den Bürgermeister, einen großen, kräftigen Mann. Er musste ihn schon beobachtet haben, als er von vorne kam, denn er war nicht überrascht. Der Bürgermeister nahm die Hülle mit Inhalt beiläufig entgegen und steckte sie in eine Ledertasche, die auf einem kleinen, gelben Tisch stand. Irgendwie hatte Toni den Eindruck, dass er ihm – dem Boten – mehr Aufmerksamkeit schenkte, als dem Film selber. Er wollte gerade sagen, ich bin nur der Überbringer, als der Bürgermeister in ernsthaft ins Auge fasste und bemerkte.
„Du bist von der Norm abweichend, super wie gut du bist.“
Toni blieb der Mund offen.
Er fuhr auf den Parkplatz beim Sportgelände, wo er die meiste Zeit übernachtete und legte sich dort schlafen. In der Nacht kam Mili und teilte ihm die Geschichte von einem Herrn Wendy Nil mit, die seltsam zu seinen Erlebnissen im Pflegeheim passte. So traf Wendy Nil die Leitung des Pflegeheims und es kam Toni so vor, als wäre er selber an seiner Stelle. Will sie mir von etwas berichten, das auf mich zukommen könnte?, fragte er sich. AS

Wendy Nil saß mit dem abgedankten Leiter des Pflegeheims und dem neuen Chef an einem Tisch. Der Alte saß an der Stirnseite und der Neue, den Wendy nicht für wirklich fähig hielt, das Heim zu leiten, ihm gegenüber. Sie kamen auf Wälders zu sprechen, die in der Höhe eine Einrichtung führten, mit der das Pflegeheim in enger Beziehung stand. Wendy, der mit den Bewohnern von seiner früheren Arbeit her eng verbunden war, sagte.
„Ich bin so dankbar, dass ich das alles erleben konnte, dass ich Menschen von hier in ihren letzten Stunden begleiten durfte.“
Der alte Leiter ließ in einem Bericht seine Zeit Revue passieren und fügte noch hinzu. „Am Haus-Parlament habe ich wenig teilgenommen.“ In dem Moment, da er dies aussprach, fiel er nach hinten und schlug mit dem Kopf gegen die Wand. Wendy sah an der Wand eine schwarze Spur, die der von der Maus glich, die vor der Katze geflüchtet und in einer Spalte verendet war. Da wusste er, dass der Leiter tot war. Der neue Chef und er verharrten eine ganze Weile bewegungslos auf ihren Plätzen, wohl wissend, dass sie aufspringen und den Notarzt rufen sollten.
Der Vorfall im Pflegeheim führte zu einem großen Trubel. Klar, nun da der alte Leiter überraschend gestorben war, brachen die Angriffe los, die gegen diese Einrichtung schon lange geplant worden waren.
Der Umbruch trug Wendy einen Job bei Wälders an einer Bewertungsmaschine ein. Das war eine große Anlage, vergleichbar der Gepäckausgabe an einem Flughafen, nur viel komplexer. Er hatte Protokoll zu führen. Erst waren sie zu zweit. Aber dann brachte sein Kollege noch einen Jungen mit, der sich in diese Arbeit einlernen sollte. Es war ein dicklicher Junge, so ein richtiger frisch-vom-Bauch weg-Typ. Wendy wies ihm den Platz ganz rechts zu.
Durch diese Arbeit lernte er auch den Innenbereich bei Wälders kennen, der hinter einer Schleuse, die zu passieren war, begann. Er gelangte in eine riesige Versorgungseinrichtung, in der Unzählige am Arbeiten waren.
Nach dort war auch ein Reporter vorgedrungen, der, wie Wendy hörte, wegen dem Vorfall gegen das Heim ermittelte. Er konnte sich denken, um welchen ‚Vorfall‘ es sich handlte. Gewiss hatte der neue Chef verraten, welches der letzte Satz des Leiters gewesen war. Er kannte in etwa die Haltung des Reporters. Man warf dem Heim vor, dass es die Menschen bevormunde und ging so weit zu behaupten, dass die Menschen nur krank seien, weil man sie entmündigt hätte. Wendy stellte sich dem Reporter entgegen.
„Was haben Sie gegen das Heim anzuführen?“, fragte er.
„Das Heim vermag den Menschen keine Perspektive zu geben. Es nimmt ihnen die Initiative. Die Menschen werden darin krank – wenn sie’s nicht schon sind. Es ist eine sinnlose Zeit, die sie dort verbringen. Im Grunde ist es nur ein Warten auf den Tod.“
Wendy war aufgewühlt, er fürchtete, dass ihm beim Sprechen der Atem wegbliebe. „Mir scheint, Sie werfen etwas, das im Menschen angelegt ist, dem Heim vor. Die Menschen werden nicht alt, weil sie ins Heim müssen, sondern weil sie alt sind, brauchen sie Hilfe und Schutz. Das Leben – dieses im eigenen Saft Schmoren – mag mühsam erscheinen, aber es hat sicher einen Sinn.“
Jetzt sah er wie der Reporter nach Atem rang und keine Worte mehr fand.
Wieder im Pflegeheim, bekam Wendy von vielen Angestellten ein positives Feedback. „Ist ja toll. Super, dass du unsere Arbeit in Schutz genommen hast. Das freut uns sehr.“ Er spürte, dass man ihn achtete.
Er geriet durch sein Engagement aber auch in Schwierigkeiten. Man drohte ihm mit einem Prozess, weil er in der Auseinandersetzung mit dem Reporter etwas gegen einen Herrn in einem schwarzen Wagen gesagt habe.
„Mir ist schon viel angedroht worden“, entgegnete er darauf nüchtern.
Einmal ging er von Wälders Versorgungseinrichtung oben, statt mit der Bahn, zu Fuß nach unten. Da geriet er auf dem Weg abwärts in eine bizarre Anlage mit unzähligen Kränen. Sie war so riesig, dass ihm unheimlich zu Mute wurde. Er schlüpfte durch diesen Bereich hindurch und gelangte schließlich in den Park, der an die Ebene anschloss. Da wurde ihm erst bewusst, was für eine riesige Sache Wälders Versorgungs-Einrichtung war, dass deren Gelände sogar bis ganz nach unten reichte. MLF

Donnerstag, 28. Juni 2012

76 Eusophie und Wildtiere


Die Tür stand angelehnt. Wie er in den erhellten Raum trat, wunderte er sich über die Einrichtungsgegenstände. Die Garderobe, der Rahmen der Durchgangstüre, sogar die Möbel waren in einem eigenwilligen Stil gestaltet, in kantiger Weise. Dadurch war ihm klar, wo er hingeraten war – in ein eusophisches Zentrum. Er spürte einen Stich in der Brust und fragte sich, muss ich mich auch von diesen ernsthaften und engagierten Menschen trennen? Sie förderten in vielen Bereichen eine sorgfältige Lebensweise, predigten nicht, sondern legten kräftig Hand an. Am meisten legten sie Wert auf ein gedankliches Leben.
Ein eher kleiner Mann mittleren Alters, mit dunklem Haar trat zu ihm und hieß ihn willkommen.
„Bitte kommen Sie rein“, sagte er einladend.
Das musste der Leiter des Hauses sein, dem Tonfall nach ein Spanier oder Südamerikaner. Für einen Südländer war er blass. Das kam wohl von den intensiven geistigen Übungen, die man sich in diesen Kreisen auferlegte.
„Sie sind Toni, nicht wahr? Mein Name ist Alfonso“, sagte er als perfekter Gastgeber.
Sie können sich hier gerne für ein paar Tage zum Arbeiten niederlassen. Ein eigenes Zimmer kann ich ihnen leider nicht anbieten. Sie sind von ausländischen Gästen belegt. Aber wenn Sie mit diesem Sekretär hier vorlieb nehmen und ihnen dieses provisorische Bett genügt, sind sie ein gern gesehener Gast.“ Er wies auf ein Feldbett, das ans Pult anschließend der Wand entlang aufgebaut war.
Als Toni gesehen hatte, dass er seine Wohnung nicht würde halten können, hatte er sich in dem Zentrum beworben, und man hatte ihm einladend geantwortet. Alfonso zog sich zurück.
Toni nutzte die Gelegenheit und machte sich gleich an die Arbeit. Sogar ein PC stand ihm zur Verfügung. Die Notizen von Milis letzten Geschichten galt es in Gedrucktes umzuwandeln. Er mochte etwa eine Stunde geschrieben haben, als Alfonso kam und ihm einen Tee anbot.
Toni nahm dankend an. Sie setzten sich an den großen Tisch, auch dieser und die Stühle waren besonders gestaltet. Nur das Klavier, das zwischen Tisch und Tonis Arbeitsbereich stand, war von gewöhnlicher Form.
Toni sagte im Lauf des Gesprächs. „Ich schätze an der eusophischen Bewegung, dass sie keine sexuellen Regeln in den Kodex der Organisation aufgenommen hat.“
„Sexualität liegt in der Gestaltungsfreiheit des Individuums“, stimmte der Leiter ihm zu.
Alfonso fragte ihn, ob er als Künstler ein Projekt an der Astoria-Schule übernehmen könnte.
Toni wollte einwenden, dass er Sanitärinstallateur und nicht Künstler sei. Und nur durch die Begegnung mit einer ungewöhnlichen Frau auf ein quasi-künstlerisches Terrain geraten sei. Aber er verschwieg dies und zeigte Bereitschaft sich dieser Aufgabe zu stellen.
Die Augen Alfonsos glänzten. „Dann werde ich Sie morgen in unsere Schule führen.“
Toni wusch sich am Waschbecken des Gästeklos und legte sich auf das Feldbett. Sofort fiel er in einen tiefen Schlaf. Mili teilte ihm auch in dieser Nacht eine Geschichte mit. Er kam aber erst am Abend dazu sie aufzuschreiben. Da sollte er schon wieder im Bus sitzen. Aufgrund der Vorfälle dieses Tages, würde er sich aus dem eusophischen Zentrum zurückziehen. Und in Marks Gefährt arbeiten.

Als sie auf die Astoria-Schule zugingen, trat ihnen ein Lehrer dieser Schule freudig entgegen.
„Wir möchten ein Theaterstück schaffen, in dem wir unsere Schule künstlerisch vorstellen“, sagte er mit großem Eifer.
Toni zeigte sich interessiert. Wenn er auch etwas betreten war, durch die großen Hoffnungen, die sie in ihn setzten. Sie gelangten in einen großen Aufenthaltsbereich, der als ein riesiger Wintergarten mit viel Grün und ganzen Bäumen gestaltet war. Jugendliche, die auf ihn einen sehr freien, selbstbewussten Eindruck machten, saßen einzeln oder in kleinen Gruppen an den Tischen.
Der Lehrer wollte noch jemanden dazu holen und schickte Toni durch eine Tür einige Stufen hinab in einen schmalen Tanzraum mit Garderobeplätzen an der Seite. Eine Tanzlehrerin übte mit einer Mädchengruppe seltsam fließende Bewegungsformen. Die Bewegungen, die sie machten, kamen Toni zwar etwas komisch vor, aber als ein Aspekt des Stückes wäre das ja durchaus in Ordnung, fand er. Um zu wissen, wie sich dieser Tanz anfühlte, stellte er sich zu den Mädchen und machte bei den Übungen mit. Die Tanzlehrerin war davon nicht begeistert. Mit giftigen Blicken brachte sie ihn zum Einhalten. Betroffen schlich er sich zur Seite und wartete.
Da kam schon der begeisterte Lehrer zurück, mit einem Artistenclown an seiner Seite. Dieser stellte sich auf die Hände und kam mit in der Luft schwankenden Beinen die Treppe hinunter. Auf der letzen Stufe überschlug es ihn und er fiel unsanft gegen die Garderobenabtrennung. Aber er sprang sogleich auf die Füße und lachte lauthals.
Toni war schon ziemlich verunsichert. Er fragte sich, ob das nicht alles dazu angetan war, ihm die Lösung von der eusophischen Bewegung und der Astoria-Schule zu erleichtern. Aber er nahm dann doch eine Einladung an für den Nachmittag. Eine Festlichkeit, die man im Freien begehen wollte.

Als er dort ankam, stieß er auf viele geschundene Wildtiere. Marder, Dachse, Waschbären, nur Füchse fielen ihm keine auf. Auch Großvögel, Enten, Wildgänse und Raubvögel waren dabei. Zum Teil lebten die Tiere noch. Es war schrecklich, sie in diesem Zustand zu sehen. Auch ein Arzt würde sie nicht retten können. Eine Wildgans schien noch heil zu sein. Er glaubte, sie sei durch einen Schrecken kurzzeitig betäubt geworden. Also nahm er das Tier behutsam an sich und ging mit ihm in Richtung des Waldes. Er sprach ihm aufmunternd zu und spürte wie sich sein wild pochendes Herz beruhigte. Doch als er es loslassen wollte, fiel es zu Boden. Erst da sah er, dass unter den Deckfedern die feinen Federn fehlten. Das Tier hatte doch eine Verletzung erlitten.
Enttäuscht kehrte er zum Platz zurück, wo im großen Stil gefeiert wurde. Die Tiere waren alle entsorgt worden und er wusste nicht, wo er die Wildgans hintun sollte. Als Engagierter an der Schule, wurde ihm ein großer Teller mit Erdbeer-Nachtisch gereicht. Doch just im Moment, da er den Löffel ansetzte, hauchte die versehrte Wildgans ihr Leben aus. Sie fiel hin und landete mit dem Kopf in seinem Erdbeerteller und blieb dort liegen. Müßig zu sagen, dass ihm der Appetit dabei verging.
Loslassen, sagte er sich. Er ging zum eusophischen Zentrum zurück, räumte den ihm dankenswert eingeräumten Platz, entschuldigte sich, dass er beim Theaterprojekt nicht mitmachen könne und setzte sich in Marks Transit, der ihm jetzt noch mehr bedeutete als zuvor. AS