Dienstag, 8. Mai 2012

47 Sie fährt nicht mehr LKW


Als Toni aufwacht, brennt das Licht. Er ist beim Lesen eingeschlafen. Sofort greift er wieder nach dem Buch und sucht die Stelle, wo er den Faden verloren hat. Als er diesen gerade zu fassen kriegt, spürt er einen nackten Schenkel an seinem Bein. Überrascht schaut er auf und sieht Mili, die auf ihn wartet. Schnell legt er sein Buch zur Seite und nähert sich ihrem Mund. Die Oberlippe ist geschürzt, sie schmollt. Er liebkost sie an den Armen,  am Hals und dann die Brüste. Dabei entspannt sie sich und beginnt ihn zu necken. Bald verstricken sie sich in einem heftigen Liebesspiel.
Mili liegt schon auf dem Kissen, als sie nochmal runterrutscht, ihren Arm über seinen feuchten Oberkörper streckt und das Buch ergreift. Lässig lässt sie’s durch den Raum segeln, mit flatternden Seiten. Es landet zielgenau im Papierkorb. Ohne dass sie ein Wort sagt, weiß er jetzt, was sie von Büchern hält. Sie blickt ihn an und beginnt mit ihrer Geschichte. AS

Er geht in den Buchladen, der auch LKWs verleiht. Ziel Südschweden, sechs Tage – ein, zwei Tage Verlängerung sollten möglich sein. „Kennen Sie sich mit den Fähren aus? Welche Linie ist die günstigste?“
„Vertrauen Sie einfach dem integrierten Navigationssystem, dann können Sie nichts falsch machen.“
Erst jetzt gesteht Jasmus, dass er nicht selber fahren wird, sondern eine Freundin von ihm.
Der Buchhändler scheint geradezu erleichtert zu sein. Jasmus hat den Eindruck, er habe mit Frauen bessere Erfahrungen gemacht, als mit Männern. Der Buchhändler verspricht, dass der LKW am Abend vor seinem Haus stehen wird.
Gila wohnt ein Stockwerk über Jasmus. Wenn sie das Gefährt sieht, wird sie zu ihm hinunterkommen. So war es bisher immer. Die meisten Reisen sind so zustande gekommen. Auf einer Fahrt durch England hat Gila ihm aus den Schicksalen der englischen Könige erzählt. Die so lebendig natürlich durch Vermittlung eines großen Dramatikers erhalten sind. Für die letzte Fahrt sind sie nach Kanada geflogen und sind dort in Ontario und Britisch Columbia unterwegs gewesen. Sie haben viele Menschen kennengelernt, ihre alltäglichen Probleme in scheinbar langweiligen Kleinstädten. Er hat über die Komplexität der Dinge in den Dingen gestaunt. Diese Menschen sind ganz nah an seine Mitte gerückt.
Drei Tage später. Der LKW steht noch immer vor dem Haus. Was ist mit Gila?, fragt er sich. Jetzt fällt ihm ein, wie sie reagierte, als er die Reise vorgeschlagen hat. Ihr Verhalten war nicht wie sonst. Sie hat ihn fragend angeschaut. Die übliche Begeisterung hat er nicht gespürt. Aber er hat erwartet, dass ihr Fieber erwachen würde, wenn der LKW erst vor dem Haus stand. Darauf hat er gezählt. Was ist los? Ich muss ganz einfach hochgehen und fragen, was Sache ist. Er zögert. Irgendwie fürchtet er, eine Absage zu erhalten, wenn er’s forciert. Bisher ist sie immer von sich aus gekommen.
Er setzt sich aufs Sofa, legt die Beine auf den Couchtisch. Fast am eindrücklichsten sind ihm die Reisen in die geschichtsträchtigen Gegenden in Erinnerung. Gila ist eine Meisterin, wenn es darum geht, ihn in andere Zeiten zu versetzen. So hat sie mit ihm die Gestade Griechenlands abgefahren. Sie haben den LKW stehen lassen und sind mit dem Boot zu den großen Schauplätzen gefahren. Von dem listigen Helden, der den entscheidenden Einfall für die Eroberung einer Stadt am Hellespont gehabt haben soll. Von ihm hat sie ein ganz anderes Bild gezeichnet, als er es vom Hörensagen kannte. In ihrer Version ging es keinesfalls um die Beschwörung der kühnen Ahnen und Heldenverehrung, sondern um eine genau kalkulierte Anklage gegen ihre vielfältigen Schwächen. Kriegerische Überfälle und Frauenraub gehörten zu ihren bevorzugten Beschäftigungen. Dagegen bot er sein ganzes Geschick auf. Prasserei, Eigennutz, Fremdenfeindlichkeit und vieles mehr klagte er an. Die unsichtbaren Mächte wurden nicht aus religiöser Verehrung so plastisch beschrieben, sondern um einen griffigen Hebel gegen die vielen menschlichen Schwächen zu haben. Er hielt seinen Landsleuten einen Spiegel vor und zeigte ihnen, was für Barbaren ihre Ahnen gewesen waren. Dieser Aufenthalt in Griechenland war großartig gewesen.
Aber auch das befremdende Schicksal eines jungen Mannes in Algerien hat ihn beeindruckt. Betäubt von der gleißenden Sonne ersticht er am Strand einen Fremden und landet dafür im Gefängnis. Gerichtsprozesse und schließlich die Hinrichtung folgen. Die Reise haben sie in Paris unterbrochen und haben einen Blick auf das Leben des Zeugen dort geworfen.
Was ist nur mit Gila los. Sie wird doch nicht schwächeln. Ohne sie kann er die Fahrt nach Schweden nicht unternehmen. Dabei hat er sich schon so auf diese Reise gefreut. Einen Lyriker möchte er treffen, der sich auf eine junge Asylantin eingelassen hat. Der seine täglichen Sorgen plötzlich in einem ganz anderen Umfeld gespiegelt sieht. Plötzlich ist er mit Menschen zusammen, die wirklich Not leiden. Da möchte Jasmus hin. Sowas möchte er auch erfahren.
Was ist plötzlich los mit ihr? Warum kommt Gila nicht?
Er geht hoch, klingelt.
Sie öffnet die Tür.
Hallo Gila.
Ja?
Du hast doch gesehen, was unten vor dem Haus steht? Oder nicht?
„Komm rein, Jasmus.“ Sie weist ihn aufs Sofa.
Er nimmt Platz.
„Magst du etwas trinken?“
„Nein danke.“ Er wartet.
Sie setzt sich, aber sagt nichts. Sie runzelt die Stirn. Er spürt ihr Bedauern.
„Und wie sieht’s am Wochenende aus?“, fragt er.
Ihre Miene ändert sich nicht.
„Aber du bist doch sonst immer gern mitgegangen.“
Sie hebt bedauernd die Schultern.
„Unsere gemeinsamen Fahrten zählen zum Schönsten, was ich erlebt habe. Ich dachte, für dich sei es ebenso gewesen.“
Kurz flammt ein Begeisterungsstrahl über ihr Gesicht. Aber die Züge werden sofort wieder ernst. „Das Problem ist – sie macht eine Pause – ich muss hier sein.“
„Warum musst du hier sein?“
Sie sucht nach einer Erklärung. Da fällt ihr Blick auf das Mobilteil auf dem Couchtisch. „Ich muss aufs Telefon achten – unter anderem“, stößt sie hervor. „Ich kann nicht gleichzeitig hier und woanders sein.“
Enttäuscht geht Jasmus nach unten.

Am nächsten Tag geht er wohl oder übel zum LKW-Verleih und bittet etwas kleinlaut, sie möchten den Transporter wieder abholen. Die Anzahlung kriegt er nicht zurück, aber er erhält einen Gutschein für eine andere Reise oder für Bücher seiner Wahl. Betröppelt steht er da und fragt sich, ob ihm dieser Gutschein noch etwas nützt, wenn Gila nicht mehr mitmacht? Aber dann gibt er sich einen Stoß und sagt sich: Dann wird’s halt ein Geschenk für ein befreundetes Paar. Er möchte diesen Gutschein möglichst schnell weghaben, weil er sich sonst allerlei vornehmen wird, wie diese Reise nach Schweden und doch enttäuscht wird.
Von der Ladentheke sticht ihm die Ankündigung einer Lesung ins Auge. ‚Fossilien des Aleph-Gebirges‘, Pedro Cielo. Das muss Pedro aus Brasilien sein. Fossilien sind nicht gerade Jasmus‘ Leidenschaft. Aber er würde gerne Pedro mal wieder sehen. Er beschließt dahin zu gehen. MLF

Montag, 7. Mai 2012

46 Die Chinesische Karte

Toni wird eine Augenmaske gereicht. Man rät ihm, den Schutz nicht abzulegen, bis er aufwacht. Aber er fürchtet Mili zu verpassen. Also hebt er den schwarzen Stoff leicht an und spickelt. Er sieht an den Wänden komplizierte Pläne, die ihn verwirren. Wo bin ich da nur gelandet?, fragt er sich und schließt reflexartig die Augen. Er glaubt sich verloren. Doch dann spürt er Milis Hand. Als er die Augen öffnet, liegt sie neben ihm. Glücklich sie wiedergefunden zu haben, wendet er sich ihr zu. Aber die Verunsicherung ist geblieben. Ihre Vereinigung ist nicht so glücklich wie sonst. Selbst in Milis Geschichte überwiegen die Elemente, die ihn befremden gegenüber denen, die ihn unterhalten. AS

Die nächste Station nach Römersdorf ist der Schulort. Die Gruppe hält auf der Gemeinde-Fläche am Stadtrand und richtet ihre Schaubühne ein. Im Mittelpunkt steht eine Sängerin, die überraschend einen Preis gewonnen hat. Am nächsten Tag drängt es Kermit in die Stadt. Er leiht sich ein Fahrrad. Bis zum Zentrum schiebt er sein Rad, da ihn einer aus der Gruppe begleitet. Dort seilt sich sein Begleiter ab. Dieser ist der eigentliche Kämpfer der Gruppe. Er verhandelt mit den Gemeinden und den Schulen und ringt darum, dass nicht nur die Unkosten beglichen werden, sondern dass auch für die Schauspieler und die Helfer etwas abfällt.
„Übertreibst du’s nicht etwas?“, fragt Kermit.
„Wie meinst du?“, sagt der Flachgesichtige emotionslos.
„Die Truppe könnte doch, wenn es für einen guten Zweck ist, um die halbe Gage spielen.“
„Wir könnten immer umsonst spielen. Es gibt genug gute Einrichtungen, die sich von Künstlern unterstützen lassen möchten. Kein Problem“, antwortet er mit weiterhin gleichförmiger Stimme und fügt hinzu. „‚Kunst funktioniert doch nur, wenn sie Spaß macht‘, hör ich immer wieder. Deshalb sollen wir umsonst auftreten. Aber irgendwann macht es eben keinen Spaß mehr.“
„So mein ich es ja nicht.“
„Du vielleicht nicht. – Die Sängerin hat einen Preis gewonnen. Sofort kamen Anfragen, ob wir aus diesem Anlass umsonst spielten. Soll ich sie fragen, ob sie das Geld unserer Gruppe gibt? Dann könnten wir die Vorstellungen frei geben. Ich weiß aber zufällig, dass sie Schulden hat. Von Zeiten her, da wir zu wenig Zuschauer hatten. Ich habe ihr gesagt, nutze dein Geld für dich. Wer uns schätzt, wird für unsere Darbietungen gerne etwas ausgeben. Wie er für Essen, Zigaretten und fürs Auto – wenn er eins hat – auch Geld ausgibt.“
Kermit bleibt misstrauisch. Dieser Kassierer ist undurchschaubar. Er hat den Verdacht, dass er einen Teil des Geldes für sich abzweigt. Wie könnte er sonst in die Stadt gehen und sich ins Café zu den Literaten setzen?
Sie verabschieden sich. Ab sechzehn Uhr sei Kinderprogramm. Ab neunzehn Uhr Einlass für die Abendveranstaltung, erinnert ihn der Flachgesichtige. Bis dahin werde er längst zurück sein, ruft Kermit und schwingt sich aufs Rad. Er ahnt nicht, wo er hingeraten wird und dass er einem weiteren Geheimnis auf die Spur kommt.
Durch den Stadtgarten, der sich außerhalb der alten Festungsmauer entlang zieht, gelangt er schließlich zur gegenüberliegenden Seite der Stadt. Das Ziegelrot der Mauer sieht er zwar, aber er denkt sich nichts dabei. Ziemlich genau gegenüber zum Auftrittsort liegt die Badeanstalt. Hier begegnet er einem Bekannten, Othmar – der weiß, was er hat. Othmar kommt mit Fahrrad von der Mürge, ihrem Wohnviertel herab, das Kind im Sitz auf dem Gepäckträger. Wo ist seine Frau?, fragt sich Kermit. Er weiß dass es die beiden nicht immer leicht haben zusammen. Wenig später stößt seine Frau dazu. Sie drückt den Fuß zum Bremsen auf den Boden. Augenscheinlich befinden sie sich auf dem Weg in die Badeanstalt.
 „Komm doch mit uns“, laden sie ihn ein.
„Wir haben ein Picknick dabei. Das reicht für dich mit. So ein schöner Tag ist ideal zum Baden.“
Kermit schaut die drei an. Sie sind luftig gekleidet, alle in kurzen Hosen und doch gepflegt – wie immer. Er denkt, vielleicht hätten sie gerne etwas Ablenkung, um nicht so aufeinander fixiert zu sein. Und dann denkt er an die Truppe. Für manche wäre ein Besuch in der Badeanstalt dringlich, aber sie kommen nicht nach hier drüben, denkt er. Behält es aber für sich. Stattdessen erklärt er, dass er die Stadt erkunden möchte. Weil er nur selten hier sei und erst durch den Stadtgarten gefahren sei.
„Kommt doch zu unserer Aufführung“, entfährt ihm. Aber da sieht er das Kind und erinnert sich, wie sehr sie auf Familie machen. Sie winken ihm und fahren weiter.

Kermit kehrt um, lenkt jetzt in Richtung des Zentrums. Fast träumend gleitet er an den vielen Fußgängern vorbei. So gelangt er zum Eingangsgebäude. Durch dessen Mitte führt ein breites Tor. Zweispurig mündet die Straße in die Innenstadt. Dieses große Gebäude und die daran angegliederten, sind von der gleichen Farbe wie das Fundament jenes Gebäudes, das er im Küstenwald erkundet hat [30, Tönernes Gebäude]. Das macht ihn neugierig. Er steigt ab, nimmt einen Stock, klopft dagegen. Erst unten, dann so hoch er mit dem Stecken langen kann. Ohne Zweifel, dieselbe Bauart, gegossene, gebrannte Wände, die hohl sind. Die Bürgerhäuser, selbst die Kirche, alle Gebäude aus dem gleichen Material.
Im Innern der Stadt gerät er seitlich auf einen schmalen Weg in einen einsamen Garten. Ein seltsames Gefühl überkommt ihn, wie wenn man in einem Klostergarten Gebete hört, die sich seit tausend Jahren nicht geändert haben. Aber dieser Raum hier ist kein kirchlicher. Trotzdem fühlt er sich in eine andere Welt versetzt. Ihm kommt er vor, wie das versteckte Pendant zum Stadtgarten, in das er zufällig geraten ist. Neben ihm drängt sich ein schwarzer Wagen. Der bleibt auf seiner Höhe und überholt nicht. MLF

Kermit steigt ab. Der Fahrer hält auch und steigt aus. Ein sehniger Herr, dunkle Hose, schwarzes Hemd, die Schläfen meliert. Wahrscheinlich der Stadtplaner, denkt Kermit. Er kommt auf ihn zu.
„Darf ich Ihnen die Zeitung zeigen?“ fragt er ihn.
Kermit vermutet, dass er ihn bei den Fahrenden gesehen hat und ihm einen Artikel über die Truppe zeigen will. Der Planer führt ihn zu einem Tisch, der aus einem großen Mühlstein zu bestehen scheint. Der Sonnenstand hat sich verändert. Das Licht fällt durch die Bäume. Es herrscht eine ähnliche Stimmung wie damals im Küstenwald. Als er sich über den Tisch beugt und auf die vermeintliche Zeitung sieht, blickt er auf eine reliefartige Karte (oder ist es ein Plan?) wie die kryptischen Kalender der alten Völker. Er besteht aus demselben Ziegelton wie die hohlen Gebäude. Seine Augen geraten in ein Labyrinth von Wegen und Bögen. Ihm ist, als würde er hinein gesogen. Je länger er drauf blickt, umso weniger findet er sich zurecht. Es scheinen mehrere Pläne ineinander verschachtelt zu sein. Er weiß nicht, um was es sich handelt. Der Planer hat eine Nadel in der Hand und weist mit der Spitze in die Tiefe des Reliefs auf eine bestimmte Stelle. Kermit kann nur einen winzigen Strich erkennen. Der Führer spricht jetzt nicht mehr von einer Zeitung, sondern von einer Karte – einer chinesischen. Eine, die nicht nur den Ort, sondern auch die Zeit miteinbezieht – so fasst es Kermit auf. Der gezeigte Strich steht für die Stelle, an der er sich befindet, vermutet er, beziehungsweise für das, was er geschaffen hat. Wie ein Nichts kommt ihm das Gezeigte vor. Das dumpfe Rotbraun verleitet ihn zu dem Gedanken, dass der Plan die Geschicke der Stadt darstellen könnte. Von denen er ein verschwindender Teil zu sein scheint. Wie damals im Küstenwald sind auch jetzt seine Empfindungen gemischt. Einerseits fühlt er sich erhöht, weil man ihn auf diese gewiss sehr bedeutende Karte aufmerksam gemacht hat. Andererseits überträgt sich die Skepsis, die er den hohlen Gebäuden entgegenbringt, auch auf die Karte. Er wird den Eindruck nicht los, dass da ein doppeltes Spiel getrieben wird, von dem er nur die eine Seite zu sehen in der Lage ist.
Als er sich verabschiedet, ist es im Garten schon dunkel. Der Planer bietet ihm an, ihn zurückzufahren. Da Kermit seinem Fahrrad-Licht misstraut, nimmt er dankend an. MLF

Freitag, 4. Mai 2012

45 Tristan Campermann

Er fährt mit Enrico zum Museum. Da er kein Busticket hat, muss er aussteigen. Am unteren Rand des Ortes trifft er auf eine Truppe von Schauspielern. Am Eingang steht ein Typ, der so ziemlich das Gegenteil von ihm. Er stellt sich vor mit dem Namen Tristan Campermann …

Donnerstag, 3. Mai 2012

44 Selfmademan in Römersdorf j

Den Knaben, so wohlerzogen er sie einschätzt, scheint die Warterei auch zu lange zu dauern. Er hört die Schnallen ihrer Gurten klacken und sie tauchen aus der Versenkung in der Wand auf. Erst jetzt fällt ihm ins Auge, wie extravagant sie gekleidet sind. Was ihnen an ungehemmter Bewegung und natürlichem Spielverhalten fehlt, machen sie durch tolle, wenn auch nicht gerade kindergerechte Kleidung wett. Beide stecken in Anzügen. Aber die Jacketts offen und keine Krawatten. Der Ältere bleibt mitten im Raum stehen und schaut naserümpfend über ihn weg. Da fällt Kermits Blick auf sein exquisites Hemd, ein fleischfarbenes Hellbraun, mit luftigen, weißen Flecken. Wieder schüttelt Kermit den Kopf. Ich möchte nicht wissen, was so ein Hemd kostet, sagt er sich. An was erinnert mich denn dieses Muster?, überlegt er die ganze Zeit. Bis er draufkommt, dass es eine italienische Wurstsorte ist. Diese besonders delikate Wurst, aus reinem Schweinefleisch mit großen Fettaugen - Mortadella. Was für ein toller Einfall. Ein Hemd einer Feinschmeckerwurst nachzuempfinden.
Während er vom Muster dieses extravaganten Hemdes wie gebannt ist, überkommt ihn das eigentümliche Gefühl, als würde, was er sieht, zu einem Bild gerinnen. Das Mortadella-Hemd, die ungelenke Haltung der Jungs, die hässliche Frau im Hintergrund, alles ist plötzlich fixiert. Er fürchtet selbst zu erstarren und bewegt verunsichert die Finger in seiner Faust und hebt den Kopf, um sich zu vergewissern, dass er nicht als Teil einer Installation zu einer Wachsfigur geronnen ist. Die Glieder bewegen sich noch, aber er ist gewarnt. Kermit geht zur Tür. Aufs Interview verzichtet er. Ihm scheint, er habe genug gesehen und flieht von dem Haus.

Draußen ist er erstmal geblendet und steht wie gelähmt. Aber dann sieht er seine Truppe, auf dem schrägen Stück Weg, das zur Hauptstraße führt.
Einer der quirligen Jungs aus der Gruppe rennt auf ihn zu. Kermit legt ihm den Arm über die Schulter. Sich vorbeugend fragt er ihn.
„Na, wo habt ihr euch rumgetrieben?“
 Dabei kommt seine Hand zufällig auf das Geschlecht des Jungen zu liegen. Er drückt es und sagt.
„Da fasse ich mich selber auch manchmal an und halte es. Das fühlt sich gut an.“
Das Kind schweigt. Er will den Jungen hochheben, damit er in der Luft eine Rolle macht. Aber das scheint dem Kind zu heikel zu sein. Es sträubt sich, entwindet sich und jagt quietsch-lebendig davon. MLF

Mittwoch, 2. Mai 2012

44 Selfmademan in Römersdorf i

Toni gerät in ein Wachsfigurenkabinett und freut sich anfänglich. Er liebt es, prominente Personen als lebensechte Figuren zu betrachten, weil man ihnen dabei so nahe kommen kann. Aber dieses Kabinett ist anders. Verwundert stellt er fest, dass die Figuren sich bewegen. Er als Zuschauer ist dagegen starr. Wie ein Blitz durchfährt ihn der Gedanke, dass man hier die Zuschauer zu bleichen Wachsfiguren macht. Schweißgebadet wacht er auf.
Über ihm Mili, hat sich Sorgen gemacht. Mit einem Tuch reibt sie ihn trocken und erregt ihn dabei. Beim Liebesspiel gewinnt er seine volle Beweglichkeit zurück.
Im Anschluss berichtet Mili, wie Kermit in Römersdorf… AS

Sein Mentor lässt ihm die Bitte zutragen, in Römersdorf ein Interview mit einer Person zu führen, die bis vor kurzem eine wichtige Rolle im öffentlichen Leben innegehalten hat. Aus dem A4-Blatt, das man ihm reicht, geht hervor. Der Betreffende war ein Selfmademan. Er hat lange Jahre auf eigene Faust erfolgreich im Bereich des Investments gedealt. Dann wurde ihm die Leitung der Hyperbank überantwortet. Neun Jahre später dann der Kollaps. Der Zusammenbruch des großen Bankgebildes liegt inzwischen drei Jahre zurück. Es gibt noch immer keine Selbstauskünfte des Verantwortlichen. Bei den Gerichtsverhandlungen haben bloß die Anwälte gesprochen. Was mögen die Gründe für den verheerenden Einsturz gewesen sein? Das solle Kermit im Gespräch herausfinden. Die Sekretärin des Bündners hat den Selfmademan unter Druck gesetzt, bis er sich schließlich zu einem Interview bereit erklärt hat. Doch Kermits Blick wird auf dessen Familie gelenkt.

Durch die äußere Tür wird er in einen Vorraum eingelassen. Dieser Eingangsbereich hat wohl ursprünglich als Parkplatz für zwei stattliche Limousinen hintereinander gedient. Ist aber überdacht worden und wird jetzt als zusätzlicher Aufenthaltsort und als Spielbereich genutzt. Die rechte Wand bildet die Trennmauer zum nächsten Grundstück, links dringt durch drei Fenster Licht vom Garten ein. Am Boden liegen Spielzeuge verstreut.
„Sie sind der äh…“, sagt die Frau, mit wenig Anstrengung ihre Abneigung zu verbergen. Der Ausdruck von ihr stimmt ihn wenig optimistisch. Ohne sie schlecht machen zu wollen, muss er sich eingestehen, dass ihr Gesicht nicht nur farblos, sondern verbraucht aussieht, ja sogar hässlich zu nennen ist. „Mein Mann wird gleich kommen“, fügt sie mit tonloser Stimme hinzu, „wenn Sie eine Weile zu warten belieben“. Obwohl der Vorraum nicht klimatisiert sein kann, kommt er sich vor wie in einer Bankfiliale. Sie lässt ihn bei der äußeren Tür stehen und geht bei der inneren Tür, der Haustür, einer Beschäftigung nach, die nicht so wichtig sein kann, wie sie ihr den Anschein zu geben gewillt ist. Kermit schüttelt den Kopf. Wie hat einer, der so erfolgreich gewesen ist, nur an so einer Frau festhalten können? Das will ihm nicht in den Kopf.
Die Haustür geht auf. Nicht wie erwartet der ehemalige Hyperbanker, sondern zwei Knaben treten heraus. Der Ältere vielleicht dreizehn, der Jüngere neun oder zehn. Sie sind zu stolz, ihn zu begrüßen, aber können ihre Neugierde doch nicht ganz verbergen. Ihn freut, dass diese wenigstens hübsch sind. Nur die Art, wie sie gehen, eckig und übertrieben, kommt ihm befremdlich vor. Fast als hätten sie eine Disposition zu Spastikern. Sie streben direkt auf die Wand zu. In zwei Nischen sind Auto-Kindersitze montiert. Artig setzen sie sich hinein und schnallen sich fest. Kermit nimmt jetzt nur noch ihre Hände wahr und die Beine unterhalb den Knien, die sie schlenkern lassen. Wäre er alleine, würde er zu den Knaben hingehen und sie ansprechen. Aber wegen der Frau, die nur Ablehnung signalisiert, bleibt ihm nichts anderes übrig, als auf der Stelle zu verharren. Immerhin erhält er so einen Eindruck von der Familie des Gescheiterten. MLF