Donnerstag, 18. April 2013

151 II „Im Schiffsbau keine Wurzel“


Eine Stunde später hörte er draußen den tiefen Ton eines Zwölf-Zylinder-Fahrzeugs. Als Technik-Freak fuhr Sienta einen entsprechenden Wagen.
Mit Bubischnitt und vollen roten Wangen kam sie schnellen Schritts auf das Haus zu. Sie wirkte noch immer wie die Draufgängerin, die er als Studentin kennen gelernt hatte. Erst auf den zweiten Blick kamen Spuren zum Vorschein, die die konzentrierte Arbeit hinterlassen hatten. Am auffälligsten die grauen Strähnen und die Kerben seitlich der Mundwinkel.
Tonke hatte inzwischen gekocht. Sienta schätzte, wenn er etwas zum Essen auftischte. Als allein stehende Wissenschaftlerin lebte sie noch immer wie eine Studentin. Sie bereitete sich manchmal tagelang kein warmes Gericht.
Nachdem er geschöpft und sie eine Weile still gegessen hatten, schnitt Tonke nun doch sein Thema an.
„Mir scheint, ich habe Mist gebaut. Aber so richtig seh ich es nicht ein“, gestand er und schaute prüfend auf Sientas Reaktion.
„Wo? Wie?“, fragte sie überrascht.
„Du weißt doch, dass ich die Planung eines großen Schiffes übernommen habe. Jetzt kommt’s wahrscheinlich zu einem Rechtsstreit.“
„Was, bei dieser Großplanung?“, sagte sie erschrocken. „Das könnte heikel werden. Was werfen sie dir denn vor?“
„Ich hätte Wurzeln in den Planungsunterlagen drin.“
Wurzeln im Schiffsbau, kam prompt von ihr. Das sei allerdings problematisch. Da wünsche sie ihm mal, dass es glimpflich ablaufe.
Tonke erschrak. Sie arbeitete in einem anderen Fach und sagte das so klar.
Er wollte die Sache nicht forcieren, sie lieber später wieder aufnehmen. Wenn sie Zeit hatte. Er fürchtete, dass sie gleich wieder wegmusste. Aber als er ihr einen Kaffee anbot und sie einen Blick zum Sofa rüber warf, war er beruhigt.
Er trug die vollen Tassen zum Couchtisch und lud sie ein den bequemeren Platz einzunehmen.
Obwohl sie inzwischen bloß Freunde waren – während dem Studium waren sie eine Zeit lang ein Paar gewesen – war der Rahmen doch ein intimer und er fürchtete, Brix könnte sie überraschen, wenn sie, in tiefe Gespräche verstrickt, die Köpfe zusammensteckten. Deshalb ging er unauffällig zur Tür und drehte den Schlüssel um. So würde sein Freund klingeln müssen, falls er früher zurückkehrte.
Sienta schien, was mitmenschliche Beziehungen anging, ziemlich ausgehungert. Sie klagte, dass ihre Kollegen so wenig über persönliche Dinge sprachen.
Aber der Anteil der Frauen sei doch recht hoch in ihrem Institut, wandte Tonke ein.
Die seien noch schlimmer als die Männer, behauptete sie. Letzte Woche sei sie mit einem Elektrotechniker ausgegangen, berichtete sie. „Denkst du, dem wäre etwas anderes eingefallen, als über Schaltkreise zu sprechen.“ Dabei verzog sie das Gesicht. Sie sah Tonke mit hochgezogenen Brauen an und fragte unvermittelt.
„Hast du was mit diesem Typ oder nicht?“
Tonke wand sich. Auf eine direkte Frage solle man eine direkte Antwort geben, heiße es. Aber nicht jeder verstehe, eine solche Antwort. Sie müsste Erfahrungen mit Frauen haben, um das zu verstehen.
„Ich, mit Frauen, wie kommst du da drauf?“, reagierte sie heftig.
Er sage das ja nur, weil sie von ihren Dates mit Männern meist Enttäuschendes berichte, wand er sich raus.
Jetzt schien ihm die Zeit reif, mit seiner Frage nochmal zu kommen. Er lehnte sich zurück und sprach möglichst beiläufig. Als sei ihm die Sache zufällig in den Sinn gekommen.
„Warum nur sind Wurzeln im Schiffsbau so verpönt?“, stieß er hervor.
„Aber was bist du nur für ein Ingenieur?“, reagierte sie und schaute ihn verwundert an. „Guck dir doch so einen Schiffskörper an. Was unterscheidet ihn von anderen Fahrzeugen, einem Zug, einem Auto oder insbesondere von einem Fahrrad?“
Tonke dachte nach. Er stellte sich einen Schiffsrumpf vor, wie er im Wasser lag. „Er ist mehrheitlich rund.“
„Nicht nur mehrheitlich. Er ist ganz und gar gewölbt. An was liegt das wohl?“
„Na, am Wasser, es fordert die Stromlinienform.“
„Du weißt es ja“, sagte sie und lachte. „Ist doch natürlich, ob kleines Boot oder riesiger Tanker, sie dürfen dem Wasser keine Angriffsstelle bieten.“
Tonke dachte laut. „Und das ist nicht der Fall, wenn ich Wurzeln verwende?“
„Aber natürlich nicht“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Wurzeln, das sagt ja schon das Wort, sind Vertiefungen, Wirbel nach innen, Spiralformen. Sie bilden das Konkave, sie führen ins Dunkel, sie sind grüblerisch. Das ist beim Schwimmen tabu. Hier braucht es die konvexe Form, die Wölbung. Fertige Formen, unhinterfragt. Nur so kriegst du einen schwimmtüchtigen Körper hin.“
Ob sie noch einen Kaffee trinke, fragte er.
Statt zu antworten, stand sie auf. Sie bedankte sich für das Essen und die Geselligkeit.
Tonke begleitete sie zur Tür. Bevor er die Tür aufzog, drehte er unauffällig den Schlüssel. Er verabschiedete sie mit einem Kuss.
Als draußen der Motor ansprang, glaubte er das Schiffshorn eines großen Ozeandampfers zu hören. MLF

Mittwoch, 17. April 2013

151 I „Im Schiffsbau keine Wurzel“



Wie Tonke in Schwierigkeiten geriet, weil er etwas, das allen Technikern als glasklar erschien, noch immer nicht begreifen konnte.

Er war im Untergeschoss beschäftigt, als oben über der Treppe die Tür aufging und Brix mit schriller Stimme rief:
„Telefon – Telefon für dich, ein Professor der Fachhochschule ist dran.“ Sein Freund klang aufgeregt.
Tonke rieb sich die Hände an einem Tuch ab und stieg schnell die Stufen hoch. Ihm schwante, womit dieser Anruf zu tun haben könnte. Seit längerem stand eine Beschwerde gegen ihn an. Weil er – wie es hieß – eine Wurzel in der Berechnung mit drin habe.
„Ja, Tonke am Apparat – ah, Sie sind’s, Herr Professor.“
Die Stimme des Fachhochschullehrers klang hart. Tonke hörte von Eltern, für die er damals die Pläne gezeichnet habe. Aber er verstand nur die Hälfte. Weil gleichzeitig, Brix, sein quirliger Freund auf ihn einredete: „Ein Prozess wird dir angedroht!“
Tonke versuchte mit einer Handbewegung Brix zum Schweigen zu bringen. Aber der redete immer weiter. So konnte er den Worten des Fachhochschullehrers nur bruchstückhaft folgen. Aber so viel wurde ihm klar, wenn er die Haftung nicht übernehme, würden sie vor Gericht gehen.
Endlich gab Brix nach, ging zur Tür und verließ das Haus.
Der Professor ließ keinen Zweifel darüber, zu welcher Seite er sich schlagen werde. Eine Wurzel in der Schiffsplanung zu verwenden sei ein zu großer Fehler. Wem ein solches Missgeschick unterlaufe, könne sich eigentlich gar nicht Ingenieur nennen, sagte er sinngemäß.
Was soll denn an einer Wurzel so schlimm sein?, fragte sich Tonke. Aber er sprach die Frage nicht laut aus. Er würde damit nur das cholerische Temperament des Professors noch mehr anfachen. Schon aus seinem Schweigen schien der Lehrer auf Uneinsichtigkeit zu schließen. „Mensch, Tonke“, rief er in den Hörer, „dass man  im Schiffsbau keine Wurzel verwendet, das müsste doch klar sein. Also stehn Sie für diese Sache gerade und achten Sie darauf, dass Ihnen ein solches Missgeschick nicht wieder unterläuft.“
Tonke sagte es zu, obwohl er seinen Fehler noch nicht ganz einsah. Er musste dem Druck wohl nachgeben. Er hatte keine Wahl. Deshalb stammelte er. „Natürlich, Sie haben Recht. Ich werde mich baldmöglichst darum kümmern.“
„Lieber heute als morgen“, schob der Professor als echter Lehrmeister hinterher.
Tonke legte ernüchtert auf.
Er lehnte sich zurück. Da fiel ihm auf, dass Brix nicht da war. Er hatte ihn doch nicht beleidigt mit seiner wegweisenden Geste? Wo mochte sein Freund sein? Tonke schaute auf die Uhr, halb zwei. Dann war Brix wohl zur Arbeit gegangen.
Tonke ging in die Küche, holte ein Glas aus dem Schrank und füllte Wasser ein.
Die Worte des Professors steckten in seinem Kopf drin, wie klebrige, stachelige Früchte eines Strauches. Wenn das Fernhalten von Wurzeln aus den Plänen so wichtig war, warum gab es dann kein Programm, das die technischen Unterlagen auf das Vorkommen von Wurzeln hin abklapperte? Es leuchtete ihm einfach nicht ein.
Er trank das halbe Glas auf einen Zug.
Der Professor tat so, als sei der Satz ‚im Schiffsbau keine Wurzel verwenden‘  
ein zentraler Merksatz in der Ingenieursausbildung gewesen. Er konnte sich überhaupt nicht erinnern, diesen bemerkt zu haben. Wenn dies ein Satz war, wie die Beziehung der Seiten im rechtwinkligen Dreieck oder die Reduktion der Multiplikation auf die Addition durch die Logarithmen, dann müsste er diesen Satz ja ständig gehört haben.
Aber da blieb eine gewisse Unsicherheit. Ihm hatte als Student die praktische Erfahrung gefehlt. Zudem hatten Wurzeln auf ihn schon immer eine starke Faszination ausgeübt. Vielleicht könnte es doch sein, dass ihm von der einen Seite her die Sensibilität für das Problem gefehlt hatte und von der anderen Seite die Liebhaberei die Ohren für die Ratschläge der Professoren verschlossen hatte.
Tonke trank aus, stellte das Glas ins Spülbecken und kehrte die Stufen hinab ins Untergeschoss zurück.
Aber der Konflikt ließ ihn nicht los. Er spürte ihn wie einen Stachel im Fuß. Anscheinend hatte er etwas Wichtiges versäumt. Wenn die erst vor Gericht gingen – egal wie die Verhandlungen ausgingen – würde er es fortan als Planer schwer haben. Man würde vorsichtig sein und es sich zweimal überlegen, bevor man einen neuen Entwurf von ihm annahm. Er musste handeln.
Davor hätte er aber gerne mit jemandem gesprochen. Mit Brix konnte er darüber nicht reden. Ja, reden schon, aber er würde ihm nicht helfen können. Im Grunde kannte er nur eine Person, die für ein solches Gespräch die Richtige war, Sienta. Sie war Wissenschaftlerin und zugleich eine enge Vertraute von ihm. Ihr Fach war zwar nicht dasselbe wie seines, aber sie war Wissenschaftlerin durch und durch. Sie arbeitete am Plankenhorn-Institut als Verfahrenstechnikerin. In ihrer Nähe fühlte er sich selber mehr als Wissenschaftler, wurde sachlicher, zielstrebiger und in der Planung verlässlicher. Das hatte er deutlich gespürt, als er eine Zeit lang mit ihr liiert war.
Tonke stieg die Treppe wieder hoch und nahm das Telefon ein zweites Mal in die Hand.

Sienta verhielt sich erst abweisend. „Ah, da hört man mal wieder von dir, Tonke, frotzelte sie. „Wahrscheinlich hast du irgendein rechnerisches Problem, sonst würdest du dich ja nicht melden.“ Aber sie hielt dieses Spiel nicht lange aufrecht.
Tonke hütete sich, gleich von der Auseinandersetzung zu sprechen. Probleme gebe es immer, sagte er ganz allgemein. Er sei gerade am Kochen, ob sie nicht Lust habe mit ihm zu essen, schob er vor.
Letztes Mal habe sie diesen Brix am Apparat gehabt. Was der eigentlich bei ihm zu suchen habe, fragte sie mit Missbilligung in der Stimme. „Mir scheint der ist homb“, stellte sie unvermittelt fest und fragte skeptisch. „Du bist doch nicht etwa auch von dieser Art?“
„Ist das jetzt ein Verhör?“, fragte Tonke in gespielt beleidigtem Ton. „Heißt das, dass du keine Lust mehr hast, mich zu sehen?“
Nein, das habe sie nicht gesagt, lenkte sie ein. Sie möchte nur wissen, woran sie sei.
„Ich werde dir alles erklären“, versprach er. „Aber nicht am Telefon.“
Sie willigte ein vorbei zu kommen und legte auf.



Donnerstag, 28. März 2013

150 III Eine Käferlarve berichtet



„Ich weiß nicht genau, wie lange es her ist“, begann Vasil, der Mann mit den langen, lockigen Haaren und dem schönen Gesicht. „Hier oben verliert man leicht das Gefühl für die Zeit. Ein halbes Jahr, ein ganzes oder auch zwei? Jedenfalls war die Stimmung ähnlich wie heute. Da war ein Gast, etwas jünger als du, er war am Aufbrechen und äußerte den Wunsch, in der Stadt zu frühstücken, bevor er abreise. Ich hatte schon die Tage davor den Vorschlag erwartet und war etwas enttäuscht gewesen. Aber als die Einladung doch noch kam, sagte ich spontan zu. Ich dachte an eine schöne Cafeteria in der Fußgängerzone und freute mich auf die kunterbunten Leute und das ungezwungene Flair das dort herrscht.
Pedro, hieß der Mann, er war gedrungen, seine Stirn war gelichtet. Was mir an ihm gefiel, war sein ungezwungenes Lachen.
Er war mit dem Auto da und ich stieg mit ein.“
Vasil lehnte sich zurück und rieb sich mit dem gestreckten Mittelfinger zwischen Wange und Nase.
„Komisch, vom Moment an, da ich in seinem Wagen saß, hatte ich ein ungutes Gefühl. Es lag wohl an seinem Fahrstil, der eher ruppig war.
Unten angekommen hielt er vor einer Cafeteria im Randbereich der Fußgängerzone. Leider war das Café geschlossen. Ich schlug vor, den Wagen stehen zu lassen und durch den Stadtkern zu bummeln. Aber ihm fiel etwas anderes ein.
Er sprach von einem Pavillon in einem Park, in dem man sehr gut frühstücken könne. Üppiger als in den Schickimicki-Cafés der Innenstadt – wie er sich ausdrückte.
Ein zierlicher Pavillon in einer schönen Parkanlage, diese Vorstellung gefiel mir gut und ich gab mein Einverständnis.“
Vasil hielt inne und strich sich wieder durch die Vertiefung zwischen Nase und Wange. Da Tonke ihn erwartungsvoll ansah, fuhr er fort.
Der Park stellte sich als eine ziemliche Wildnis heraus. Die letzten fünfhundert Meter hatten sie zu Fuß zu gehen. Durch hüfthohes Gras schlang sich der Weg, die Büsche ringsum waren mit Kletterpflanzen überwuchert. Für Ornithologen bestimmt ein reizvoller Ort. Es roch intensiv nach Kerbel, der gerade blühte. Nach der Hälfte des Weges wurde eine Hütte sichtbar, ein einfacher Kiosk, um es nicht eine Bretterbude zu nennen. Jedenfalls alles andere als ein flauschiger Pavillon in einem gepflegten Garten. Als Sitzgelegenheit dienten gefällte Baumstämme, auf denen, wie ihm schien, ein eher derbes Publikum aß und trank. Noch bereute Vasil nicht, dass er mitgegangen war. Auch in der Natur konnte es schön sein. Wenn das Essen schmeckte und die Bedienung freundlich war, verzichtete er gerne auf den Komfort und ein gepflegtes Ambiente.
Pedro, sein Begleiter, beschleunigte den Schritt, als es auf den Kiosk zuging. Kurz nachdem sie die Theke erreicht hatten, stießen drei Typen in Lederkleidern dazu. Wer zuerst angekommen war, schien für sie nicht wichtig zu sein. Als sie sich vor den stämmigen Pedro stellen wollten, wurde dieser ungemütlich und rangelte mit ihnen. Sie gaben nach und zwängten sich nun zwischen seinen Begleiter und ihn. Er hätte sich wohl wie Pedro verhalten müssen, aber das war nicht sein Ding. Ohne zu murren schloss er sich hinten an und wartete bis sie abgefertigt waren.
Tonke, der sein Frühstück fortsetzte, sah Vasil an. Er sah sein feingeschnittenes Gesicht, die langen, gewellten Haare und seine gezierten Bewegungen. Daneben stellte er sich die derben Kerle in ihren ledernen Klamotten vor. Das ergab ein sehr ungleiches Bild.
Vasil fuhr fort. Wartend fiel ihm in der Seitenwand der Theke ein runder Käse auf, ein leckerer Bergkäse oder Weichkäse, wie er vermutete. Von dem wollte er ein Stück probieren und wenn er schmeckte, eine Hälfte mit nach oben nehmen. Da stand auch ein Schildchen.
‚Ein Zwölftel für zwei Euro und neun Cent‘, las er. Das schien ihm erschwinglich.
Er winkte Pedro, um ihm zu signalisieren, dass er bald drankommen würde. Pedro sah ihn zwar, reagierte aber nicht.
Als Vasil endlich an der Reihe war, bestellte er. „Ein Frühstück mit Tee und ein Zwölftel des runden Käses.“
Die Bedienung, die zwei Köpfe kleiner war als er, sah nicht gleich, was er wollte und wurde schon dadurch unwillig. Da er beharrte, zog sie einen Stuhl herbei und holte den runden Käse auf die Theke hinab.
Was das für ein Käse sei, fragte Vasil neugierig.
„Käse mit Schweinefleisch“, sagte die Frau kurzangebunden. Was er davon wolle.
‚Mit Schweinefleisch‘, das befremdete ihn. Aber er fand keine Zeit zu überlegen und sagte. „Ein Stück für zwei Euro und neun Cent und eine Tasse Tee mit Frühstück.“ Dabei bemühte er sich seine Stimme etwas dunkler zu färben, was ihm aber nicht so richtig gelingen wollte.
Die Bedienung ging mit dem ‚Käse‘ nach hinten. Da sie nicht zurückkam, folgte er ihr um die Ecke herum, wo sich die Theke fortsetzte. Hier sah er direkt in den Arbeitsbereich des Kiosks. Es waren mindestens sechs Arbeiterinnen darin tätig. Es kam ihm vor, als blickte er in den Antriebsraum einer stampfenden Maschine. Die einen spülten geräuschvoll. Das Geschirr klapperte und Schaumwasser spritzte in alle Richtungen. Die anderen bereiteten das Mittagessen vor. Die Luft war getränkt vom Geruch heißen, nicht mehr frischen Öls. Laut zischten die Hackbällchen, die sie ins Fett legten. Unwillkürlich hielt Vasil die Hand vor seine feine Nase.
Schließlich kam die Bedienung mit einer Scheibe des ‚Käses‘, die sie aus der Mitte geschnitten hatte, stellte den Teller hin und ging ihrer Arbeit nach. Obendrauf lag noch ein Stück Rand als Zugabe. Jetzt erkannte er, dass es Fleischkäse war. Das hatte er von dem runden Stück im Regal nicht erwartet. Fleischkäse aß er ungern. Da die Stimmung so gespannt war, wagte er nicht, die Bestellung rückgängig zu machen. Er wartete geduldig, aber niemand schenkte ihm Aufmerksamkeit. Es war, als wollten sie ihn vor vollen Pfannen aushungern.
Schließlich räusperte er sich. Da erbarmte sich eine der Arbeiterinnen. Sie machte einen etwas feineren Eindruck als die anderen. Doch als er nach dem Frühstück und dem Tee fragte, warf sie einen Blick auf die Uhr an der Rückwand. Fünf nach Zehn war es.
„Tut mir leid, nach zehn Uhr dürfen wir kein Frühstück mehr ausgeben.“
Er war so platt, dass ihm die Worte fehlten. Man hatte so lange gewartet, bis man diese Regel gegen ihn anführen konnte. Deutlicher hätten sie ihre Missachtung nicht ausdrücken können.
„Aber Tee gibt es doch den ganzen Tag?“, wandte er ein.
„Nein, Tee auch nicht“, sagte sie und schlug die Augen nieder. Er sah sich hilfesuchend um, aber keine der Frauen würdigte ihn eines Blickes.
Vasil lehnte sich zurück. Er strich die Haare nach hinten. Tonke, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, sah ihn gespannt an.
Da wurde ihm klar, dass die Frauen die Rangelei beobachtet hatten und einen, den man an den Rand gedrängt hatte, nicht bedienen wollten.
Einen Trumpf hatte er noch. Wenn er keinen Tee bekam, würde er die Schnitte, auf die er sowieso keinen Appetit verspürte, stehen lassen.“
„Ohne Tee und Brot fange ich mit dem Fleischkäse nichts an“, sagte er und erwartete Protest. Aber die Frauen schwiegen.
Da war ihm klar, dass er an diesem Kiosk nicht erwünscht war.
Tonke unterbrach ihn mit der Frage. „Wie warst du gekleidet? So wie jetzt?“
„So ähnlich“, bestätigte Vasil.
„Tja, so sind die wohl, an so einem Ort“, bemerkte Tonke.
Vasil berichtete weiter, wie er zu Pedro ging und ihn fragte, wann er zurückfahren werde. Dieser sah ihn kaum an. Es war nicht zu übersehen, dass ihm Vasils Gesellschaft peinlich war. Als Vasil beharrte und sagte, dass sie doch zusammen hergekommen seien, sah er ihn an, als würde er ihm Lügenmärchen erzählen.
Zu Tonke gewandt sagte er. „Pedro ist meine Andersartigkeit wohl erst bewusst geworden, als er sich unter Seinesgleichen wiederfand.“
Dann berichtete er weiter, wie er den Weg zu Fuß zurück gegangen war. Unweit vom Eingang des Geländes hörte er die schrillen Geräusche eines hochtourigen Fahrzeugs. In dem hohen Gras verliefen mehrere Wege. Vor einer Verzweigung blieb er stehen. Da schoss plötzlich ein Go-Kart auf ihn zu, riss im letzten Moment das Steuer zur Seite und flitzte auf einem Nebenweg weiter.
Vasil hielt die Hand vor den Mund. Beim Erzählen war der Schreck ein zweites Mal in ihn gefahren.
„Verstehst du jetzt, dass mir die Lust nach Frühstücken in der Stadt vergangen ist?“, fragte er Tonke.
Dieser nickte. „Mit deiner auffälligen Erscheinung und deiner besonderen Kleidung kannst du es schlecht treffen unten. Nicht alle sind reif für einen freiheitlichen Umgang. Und, das fürchte ich, wird in gewissen Kreisen auch so bleiben. - Aber man kann sich doch deswegen nicht hier oben zurückziehen und abschließen.“ Wie eine Larve im Holz, dachte Tonke. Aber er sagte es nicht.
„Ich hätte mir meinen Begleiter besser aussuchen müssen“, sagte Vasil mit seiner hellen Stimme. Er musterte dabei Tonke, und fragte sich wohl. Würdest du zu mir halten, oder würdest du dich meinetwegen genieren?
Tonke war froh, dass er die Frage nicht laut stellte. Denn er war sich selber nicht sicher, wie er sich verhalten würde.
Die Bedienung kam und nahm die Tabletts mit. Sie standen auf. Einmal mehr war Tonke überrascht, wie groß Vasil war.
Es war Zeit aufzubrechen. Im Flur trennten sie sich. Er ging nach oben, um im Zimmer seine Habe einzusammeln. Als Vasil sich nach unten ins Basement wandte, wurde Tonke stutzig. Er blieb auf den Stufen stehen, wartete einige Sekunden, bis die Tritte auf der Treppe unten verhalten. Dann schlich er sich abwärts bis in die Kellerebene und vor zur Werkstatt. Die Tür war angelehnt. Er warf durch den Spalt einen Blick ins Innere. Da war er, Vasil, der große Mann in den apricot-farbenen Kleidern. Was er wohl darin tat? Tonke war unschlüssig, was er tun sollte. Als er wieder nach drinnen schaute, sah er ihn nicht mehr. Jetzt wollte er es wissen.
„Vasil“, rief er und stieß die Türe auf. Aber er sah niemanden. Er horchte, wo er hingegangen sein könnte. Aber alles was er hörte, war ein auffallend lautes Knabbern im Holz. Ihm wurde unheimlich. War sein Besucher etwa doch aus dem Holz geschlüpft und dahin zurückgekehrt?
Er lachte über diese Vorstellung, als er ins Zimmer hochging. Aber ganz ließ sie sich nicht vertreiben.
In Anspielung darauf, sagte er, wenn er dieses Erlebnis erzählte: Eine Käferlarve hat mir von ihrem missglückten Frühstück in einem verwilderten Teil der Stadt berichtet. MLF