Dienstag, 19. März 2013

150 I - Eine Käferlarve berichtet

Wie Tonke an einem besonderen Stück Holz Käferlarven entdeckte und ihm ein femininer Mann von seinem verpatzten Frühstück in der Stadt berichtete.

In einem weitläufigen Gebäude am Hang über der Stadt war er zu Gast.
Am letzten Morgen machte er, weil er etwas zu früh aufgestanden war, einen Rundgang durchs Gebäude. Dabei geriet er im Basement in eine Holzwerkstatt. Ein rundes Stück Stammholz stach ihm ins Auge. Sein Querschnitt war von einer ungewohnt rötlichen Farbe. Ob es tatsächlich ein Stück Kiefernholz war, wie er spontan annahm? Er hob das runde Stück hoch und drehte es vor sich in den Lichtstrahlen, die durch die hohen Fenster des Basement-Raumes drangen. Die Schnittfläche aprikosenfarben, die Rinde silbern glänzend, ihre Vertiefungen bläulich schimmernd. Eine dickes Stammstück einer Eibe womöglich, rätselte er. Nein, dafür war die Rinde zu rau.
Vielleicht ein Abschnitt eines Aprikosenbaums oder eines Orangenbaums. Er hatte gelesen, dass der berühmte Redner Roms einen Tisch aus Zitronenholz besessen habe. Wenn Zitronenbäume so dicke Stämme bildeten, dass man von diesen einen Tisch zimmern konnte, warum sollte dann nicht auch der Stamm eines Aprikosenbaumes einen stattlichen Durchmesser annehmen? Allerdings war er skeptisch, was solche Überlieferungen anbetraf. Vieles von den Schriften der Alten war übertragen gemeint. Sie liebten es in Bildern zu sprechen. Wenn Cicero gesagt hatte, dass sein Tisch aus Zitronenholz bestünde, konnte er damit etwas ganz anderes gemeint haben. Tonke fiel ein Lieblingsspruch moderner Kabarettisten ein.
If live gives you lemons, make lemon juice
Das war gewiss nicht eine Aufforderung den Beruf zu wechseln, sondern ein Anstoß, den kabarettistischen Sprüchen die entsprechende Würze zu geben. Auf Ciceros Tisch übertragen, würde das bedeuten, dass sein Werk auf Grundlage bitterer, beziehungsweise saurer Erfahrungen entstanden war.
Tonke aber hatte ein wirkliches Stück Holz vor sich, jedenfalls sah es so aus.
Um die Holzart bestimmen zu können, klemmte er den einen halben Meter langen und im Durchmesser etwa eine Spanne dicken Holzzylinder in die Hobelbank ein. Er musste die Zange weit aufdrehen, um ihn fassen zu können. Unten war eine Verdickung dran, die von abgeschnittenen Ästen herrührte. Es handelte sich also genau genommen um einen Teil der Krone des Baumes.
Er legte seinen Rucksack ab, öffnete den Werkzeugschrank an der Wand und entnahm diesem eine Feinsäge, ein breites Metallblatt mit Sägezähnen und einem Griff daran. Um ein kurzes Stück runter zu schneiden, würde dieses einfache Werkzeug wohl ausreichen. Er brauchte ja nur eine kleine Fläche freilegen, dann würde er die Holztextur zu Gesicht bekommen. Die Säge war gut scharf. Er kam schnell voran. Etwas allerdings befremdete ihn. Mit jedem Schnitt hörte er einen krabbelnden Laut, der sich deutlich vom Sägegeräusch unterschied. Ihm war, als steckten irgendwelche Viecher unter der Borke und würden aus dem Holz geschüttelt oder geweckt. Da er begierig war, die Textur zu sehen, achtete er nicht weiter darauf. Mit der Säge einige Zentimeter tiefer gedrungen war, zog er diese heraus und schnitt von vorne vorsichtig durch die Borke, bis er das Rindenstück entfernen konnte und ein Stück Längsholz zu Gesicht bekam.
Die Maserung war schillernd, die Farbe apricot oder orange, genau konnte er es nicht sagen. Dieses Holz war ihm unbekannt, das musste er sich eingestehen.
Ihm gefiel dieses Holz so gut, dass er sich daran machte, ein Stück davon abzuschneiden. Erst befreite er ein längeres Stück von der Borke, indem er den Probeschnitt fortsetzte.
Als er mit der Säge nahe an den eingespannten Bereich kam, hörte er wieder das Rascheln. Er sah jetzt auch, wie etwas aus dem Rundholz nach unten fiel. Er bückte sich, fand aber kein Insekt am Boden. Es handelte sich gewiss um Larven, die unter der Borke ihre Flugzeit erwartet hatten. Er kniete sich sogar auf den Boden, konnte aber keinerlei Insekt entdecken. Es war als lösten sich die dunklen, fallenden Larven bei Berührung des Bodens in Luft auf.
Mehr als das Holz interessieren ihn nun plötzlich diese Insekten. Das hatte er noch nie gehört, dass ausschlüpfende Insekten nicht sichtbar sein sollten. Es war wie ein Traum, eben noch ganz deutlich, löste er sich einfach in nichts auf. Die schwarzen Schatten waren etwa einen halben Meter weit sichtbar. In der Nähe des Bodens aber verschwanden sie auf unerklärliche Weise. Vielleicht würde er, wenn er die Insekten abfangen konnte, ihre Gestalt erkennen.
Tonke ging zu seinem Rucksack und entnahm diesem eine weiße Tüte aus Papier. Diese hielt er unter die Stelle, wo er die meisten Schatten hatte ausfliegen sehen. Dann setzte er die Säge an und bewegte sie kurz. Sofort fing das Rascheln an. Er spürte eine Bewegung. Die Tüte veränderte sich. Er hob sie hoch und blickte hinein. Da war was, aber er konnte nichts sehen. Keinen Flügel, keine Fühler, keine Beine, erst recht keinen Käfer, aber die Tüte fühlte sich anders an. Er hätte schwören mögen, dass da etwas drin war. Er verschloss die Tüte, indem er sie oben zusammenpresste und das Papier vorsichtig umfaltete.
Das Interesse an dem besonderen Holz hatte er plötzlich verloren. Er war nur noch erpicht zu erfahren, was in der Tüte drin stecken könnte. Das Licht in der Werkstatt konnte täuschen. Deshalb verließ er den Raum im Basement und ging mit der Tüte nach oben.
Für die Zeit seines Aufenthalts wohnte Tonke in einem Zimmer mit zwei raumhohen Fenstern, durch die viel Licht eindrang. Ein Sessel und eine Matratze auf einem niedrigen Rost waren die bestimmenden Möbel. Außer dem Bett und dem Sessel war da noch eine niedrige Kommode, die man am Boden sitzend auch als Pult verwenden konnte. Der Raum war von einer geradezu japanischen Schlichtheit und strahlte Ruhe und Strenge aus. Diese Nüchternheit gefiel Tonke. Er fand sie für sein Experiment genau richtig. Wenn das Insekt ausschlüpfte, würde es sich nicht verstecken können.
Er bedeckte das Bett mit der Tagesdecke, stieß die herumliegenden Kleider mit dem Fuß an die Wand und positionierte die Papiertüte in der Mitte des Raumes, zwischen Bett und Sessel. Er richtete den Falz des Papiers wieder hoch und strich ihn glatt. So würde sich die Tüte von selbst langsam öffnen. Er stelzte rückwärts und setzte sich, ohne den Blick von der Papiertüte zu lassen, im Schneidersitz aufs Bett. Etwas würde er nun zu Gesicht bekommen. Welcher Art es war, wusste er nicht. Ob es ein schöner Schmetterling sein würde, mit zarten, durchsichtigen Flügeln oder ein schillernder Käfer, der langsam seine harten Deckflügel ausbreitete, blieb noch offen. Das Fenster würde er erst öffnen, wenn er das Insekt eine Weile lang beobachtet hatte. Die Tüte ging weiter auf, blieb aber halb offen stehen. Das geschah durch die Dehnung des Papiers, das nicht mehr durch den Falz gehalten war. Noch konnte er nichts Auffälliges entdecken. Womöglich musste er sich eine Weile gedulden. Aber er vertraute darauf, wenn er nur lange genug wartete, würde sich das Geheimnis enthüllen. Schade, dass er noch nicht gefrühstückt hatte.
Tonke war, weil er noch nicht hungrig gewesen war, durch das Gebäude geschlendert und hatte zwei Stockwerke tiefer die Werkstatt entdeckt. Da war ihm das besondere Holzstück aufgefallen. Alles Weitere hatte sich wie durch ein sonderbares Geschick ergeben. Das Interesse am aprikosenfarbenen Holz hatte zur Entdeckung der Larven geführt, die er nur als Schatten hatte wahrnehmen können. Dass er auf dieses Holz gestoßen war, konnte kein Zufall sein. Jemand musste es mit Absicht dort hingestellt haben – gut sichtbar. Davon war er überzeugt.
Er konzentrierte sich wieder auf die Tüte. Sie stand noch am selben Ort, unverändert. Und doch, sie war nicht mehr gleich. Er spürte, dass sie ihre besondere Dichte verloren hatte. Da war kein Inhalt mehr drin.
Ich habe sie wohl mit den Augen betrachtet, aber in Gedanken losgelassen, gestand er mit Bedauern. Jetzt war es eben doch passiert. Was er hatte sehen wollen, war ihm entschlüpft. Enttäuscht löste er den Blick von der Tüte und hob ihn an. Da erschrak er. … MLF

Sonntag, 10. März 2013

149 III Herrlisberg – Eine dürftige Ernte



Als er vom Wald in die Herrlisberger Hochfläche hinausfuhr, hatte Wendy das sonderbare Gespür, dass er sich in einer anderen Welt befinde. Ihm war als sei er in einen Brunnen gesprungen und als würden plötzlich die Äpfel und die Brote zu ihm sprechen. Er hätte nicht genau sagen können, woran es lag, aber er war sich sicher, dass dies kein bloßes Feld war, sondern ein Gefilde. Weiter fahrend kam er schließlich zu einem großen Gebäude, das an einer schönen, ebenen Stelle der Hochfläche stand. Wie ein Herrenhaus sah der Bau nicht aus, eher wie ein stattlicher Zweckbau, einer Zehntscheuer ähnlich. Wendy hielt vor dem Holzbau und stieg aus dem Wagen. Da trat ein großer, wohlgebildeter Mann vor das Tor hinaus. Der dunkel Gekleidete glich treffend Leonhard Schmid, einem soliden und kompetenten Freund von ihm. Wendy war daran, ihn mit Vornamen zu begrüßen. Der große Mann blieb jedoch zurückhaltend. Er sah Wendy freundlich an, schien ihn aber nicht persönlich zu kennen. Wendy holte seine Trage vom Hintersitz des kleinen Wagens. Er schlüpfte in die Gurten und folgte dem Mann, von dem er vermutete, dass er der Verwalter war. Dieser öffnete die hölzerne Tür im großen Tor und ging ihm voran. Das Gebäude hatte keine Fenster, aber es drang genügend Licht durch die Ritzen zwischen den Brettern, so dass es im Innern hell war. Sie wandten sich nach rechts, wo auf einem Podest ein großer Behälter stand. Der Verwalter wies darauf. Wendy stieg die Stufen hoch. Als er vor dem Behälter stand, bückte er sich und leerte die Bütte seitlich an der Schulter vorbei in die große, runde Öffnung. Leider stand er etwas zu nah, so dass ein Teil des Inhalts über den Rand hinausschoss. Es war nicht viel, aber der Verlust ärgerte ihn. Hätte er die Trage vorsichtig an den vorderen Rand angesetzt, wäre nichts daneben gegangen. Aber etwas anderes beunruhigte ihn viel stärker. Das Ergebnis seiner Ernte erschien in diesem Behälter ein Nichts zu sein. Die dunkle Flüssigkeit bedeckte kaum den Boden. Zwischen dem dunklen Saft war sogar noch eine Stelle des leicht gewölbten Bodens trocken geblieben. Der Verwalter war zu ihm hochgestiegen und schaute in den Behälter. Erschrocken drehte sich Wendy ihm zu. Er erwartete Spott, wenn nicht sogar Schelte. Aber der große, ruhige Mann blieb stumm und veränderte auch nicht seine Mimik. Es schien nicht seine Aufgabe zu sein, die Ernte zu bewerten. Sein Job war wohl bloß, sie entgegen zu nehmen. Was sollte er auch sagen. Das Ergebnis war auch so deutlich genug.

Man schien ja in diesem Gefilde nicht viele Worte zu machen. Aber draußen vor der Tür konnte sich Wendy doch nicht verkneifen, die Frage, die ihn drängte, zu stellen.

„Man hat mir gesagt, hier sei das Gefilde des Herrn. Können Sie das bestätigen?“, fragte er in möglichst sachlichem Ton.

Der Verwalter bequemte sich jetzt doch zu einer Antwort. Nur, so richtig verstand Wendy seine Worte nicht.

Das mit dem Max-Re-Turm stellt ein Problem dar.“ Das war die Erwiderung, die Wendy erhielt.

Er schaute den Verwalter verdutzt an. Was ist ein Max-Re-Turm?, lag ihm auf der Zunge zu fragen. Aber er fürchtete, die Reaktion darauf könnte noch kryptischer ausfallen als die vorherige. Also nickte er bloß etwas zerstreut. Dann verstaute er die leere Bütte auf dem Rücksitz, grüßte und setzte sich in Astrids rundes Auto, startete den Motor und fuhr davon.



Er war noch nicht weit gelangt, als er mitten auf der Straße eine Person sah, die, wie sich bald herausstellte, einen Druckschlauch in Position brachte. Erst glaubte er, die Person sei im Begriff, die Straße zu überqueren, aber dem war nicht so. Als er näher kam, sah er eine fesche, junge Frau dort stehen. Sie hielt ein leichtes Rohrgestell, in dem ein Druckschlauch, wie ihn die Bauern zum Jauchen der Felder benutzen, steckte. Aber statt die Felder zu düngen, schoss jetzt der Strahl genau in die Richtung von der Wendy herkam. Ein beißender Gestank ging diesem voraus. Nach wenigen Metern würde ihn die braune Brühe treffen. Ist das die Quittung auf meine klägliche Ernte, fragte er sich entsetzt. Schnell riss er das Steuer nach rechts und fuhr parallel zur Straße durch die Wiese. Sie hielt den Strahl weiter auf die Straße gerichtet und ließ ihn passieren. Mit Schaudern erinnerte er sich an die Geschichte eines Florentiners, der nach dem freudigen Besuch bei einer schönen Dirne in der Jauchegrube gelandet war. Da er nicht zahlen konnte, war ihm statt der vermeintlichen Außentür, ein Verschlag zur Grube geöffnet worden. Besonders nachdenklich stimmte Wendy, dass die am Schlauch stehende junge Frau die hübscheste Bäuerin war, die er je zu Gesicht bekommen hatte. Um ein Haar wäre er von ihr mit Dung begossen worden. Erleichtert, dass er es geschafft hatte, unbesudelt vorbei zu kommen, lenkte er wieder auf die Straße zurück.

Im Weiterfahren, sah er linkerhand Kühe weiden. Es waren schöne Tiere, einfarbige, sowohl als gefleckte, mit glänzendem Fell, ganz im Gegensatz zu den Kühen der Fleischers. Zwischen ihnen stand aufrecht eine Hirtin. Er sah sie von hinten. Sie trug eine hellgraue Kapuzen-Jacke, mit einem – für eine Kuhhirtin - erstaunlich kurzen Rock darunter. Ob sie wohl auch so schön war wie ihre Schwester oder Mitarbeiterin am Druckschlauch? Ihre Beine waren nicht gerade grazil, aber keinesfalls dick, sondern durchaus attraktiv. Als sie sich umdrehte, erschrak er. Er glaubte die gleiche Bäuerin nochmal vor sich zu haben. Ihr Gesicht war diesmal mürrisch und der Blick so bohrend, dass er diesem nicht standhalten konnte. Sie musste die Zwillingsschwester der Frau am Druckschlauch sein, so sehr glichen sie sich. Beim Wegsehen fiel ihm noch auf, was für eine stattliche Oberweite sie hatte. Dass ihr dieser Hütejob nicht gefiel, war unverkennbar. Aber das ist doch nicht meine Schuld, dass sie hier auf dem Feld stehen muss, rechtfertigte er sich. Oder etwa doch? Hatte für sie vielleicht die Aussicht bestanden, vom Hüten der Rinder wegzukommen, wenn eine große Ernte angekommen wäre?

Seine Aufmerksamkeit wurde bald von etwas anderem abgelenkt. Unweit der Hirtin hielten zwei Bullen ihre Hörner ineinander verkeilt, prächtige, dunkelbraun glänzende Viecher. Sie kämpften gegeneinander, bewegten sich aber kaum. Die Spannung übertrug sich durch die Luft bis auf ihn. Schon die bloße Masse ihrer Leiber mutete erschreckend an. Der junge Stier rechts war anscheinend der Angreifer. Er war nur halb so lang wie der ältere Bulle, der die Vorherrschaft zu verteidigen schien. Dieser erweckte den Eindruck, als sei er unbesiegbar, so lang war er und so schwer. Der junge Stier wirkte aber dynamischer. Wendy sah, wie er kurz zurücksetzte und dann mit voller Wucht wieder den Kopf des Verteidigers rammte. Der Knall drang bis zum Wald hoch, von dort hallte das Echo zurück. Was das wohl zu bedeuten hatte, wenn in diesem Gefilde ein junger Stier mit einem alten die Kräfte maß? Noch schien ja keine Veränderung bevorzustehen. Aber der Große würde älter werden und irgendwann würde er dem Ansturm des Jungen nicht mehr standhalten können. In absehbarer Zeit stand also bei dieser Herde eine Ablösung bevor. Ob diese woanders einen Wandel mit sich bringen würde? Wendy konnte nur Mutmaßungen anstellen. Mit den möglichen Wechselwirkungen der Gefilde des Herrn zu andern Welten kannte er sich nicht aus. Er wusste von allerlei Gerüchten, widerstand aber der Versuchung, Mutmaßungen anzustellen. Ich habe keine Ahnung, sagte er am Steuer vor sich hin. Brauche ich auch nicht. Wichtiger ist, dass meine nächste Ernte etwas reicher ausfällt.

Er näherte sich dem Wald und nahm dabei Abschied von diesem sonderbaren Gefilde. Er wollte wiederkommen. Das nächste Mal hoffentlich schwerer beladen.



Auf den Parkplatz der Firma Haag einlenkend schaute sich Wendy nach Olafs Wagen um. Zwei Runden drehte er auf dem weitläufigen Parkplatz. Da waren viele Autos geparkt, auch große, aber keines glich dem Sechziger-Jahre-Schlitten von Olaf. Er hatte geglaubt sich verspätet zu haben, deshalb war er überrascht, dass Astrid noch nicht zurück war. Er parkte den kleinen Wagen und lehnte sich zurück. Es wird ihr doch nichts zugestoßen sein? Für jemanden, der die Schnellstraßen nicht gewohnt war, bargen sie so manche Tücken. Aber er kannte Astrid als eine taffe, wendige Person. Er glaubte nicht, dass sie einen Fehler begang. Unruhig klopfte er auf das sichelförmige Lenkrad. Manchmal konnten einem andere in einen Schlamassel hineinziehen, ohne dass man etwas dagegen tun konnte, überlegte er unruhig. Wendy stieg aus und lehnte sich gegen den kleinen runden Wagen. Es kam ihm vor, als sei er vor drei Tagen von hier losgefahren, nicht erst vor drei Stunden. Das lag wohl daran, dass sich im Herrlisberger Gefilde die Uhr anders drehte. Er war für kurze Zeit in den Strom einer anderen Zeit eingetaucht und hatte prompt das Gefühl für die hiesige verloren. Ihm kam in den Sinn, was der Verwalter, der Leonhard Schmid so ähnlich sah, zu ihm gesagt hatte. ‘Der Max-Re-Turm stellt ein Problem dar‘. Was er wohl mit dem ‚Max-Re-Turm‘ gemeint hatte? Und was für Probleme dieser barg? Vielleicht wusste Astrid etwas davon. Sie kam ja viel herum. – Aber wo war sie nur? Da durchfuhr es ihn wie ein Blitz.

Wendy schloss schnell den Wagen ab und hastete los. Auf der Straße lief er vom Ort weg in Richtung der Ausfahrt. Als er die Höhe der Ausfahrt erreichte, sah er Olafs Wagen unten, nur wenig höher als die Schnellstraße. Mit seiner Vermutung hatte er richtig gelegen. Astrid hatte nicht vermocht den schweren Wagen zu schieben. Wie auch, wenn er, der deutlich größer und kräftiger war, es kaum geschafft hatte. Er winkte ihr und sie winkte zurück. Unten angekommen, bat er sie, sich ans Steuer zu setzen und den Wagen zu starten. Er schob von hinten. Mit zwei Händen war das deutlich leichter als mit einer. Trotzdem war er wieder nass vor Anstrengung, als sie auf der oberen Straße ankamen.

„Und, wie war die Runde auf der Schnellstraße?“, fragte er Astrid, als sie auf dem Parkplatz standen.

„Nun, jetzt hab ich’s mal wieder gesehen. Diese Welt der Schnellstraßen, der Drive-In Gaststätten und Motels ist nicht mein Ding. Das reicht jetzt wieder für eine Weile.“

„Und du, deine Ernte abgeliefert?“

Wendy nickte zaghaft. Die Erinnerung des nicht vollständig bedeckten Bodens, wurde in ihm wach. Er nickte bedrückt. Da fiel ihm der Spruch des Verwalters ein.

Ob sie wisse, was ein Max-Re-Turm sei?, fragte er.

Astrid dachte nach. Da lange keine Antwort kam, vervollständigte er den Satz. ‘Der Max-Re-Turm stellt ein Problem dar‘, habe er genau gesagt.

Okay, ja, das stimme mit ihrer Vermutung überein, antwortete sie. Wenn die Leute die Gefilde des Herrn etwas näher sähen, würden sie diese wohl häufiger aufsuchen. Aber da sie sich unter dem Herrn gern den höchsten aller Herren vorstellten, am liebsten den Schöpfer aller Dinge, suchten sie gar nicht erst den Kontakt zu ihm.

Er werde darüber nachdenken, sagte Wendy und bedankte sich für ihre Hilfe. „Ohne dich, hätte ich jetzt wahrscheinlich noch nicht mal den Wald oben erreicht“, fügte er hinzu.

„Keine Ursache“, sagte sie und stieg in ihren kleinen Wagen.

Als Wendy über die Schnellstraße durchs Moor zurückglitt, war er nicht mehr so berauscht wie auf der Hinfahrt. Dass seine Ernte so verschwindend klein ausgefallen war, gärte in ihm. Aber insgesamt fühlte er sich mit der Fahrt nach Herrlisberg doch zufrieden. MLF

Samstag, 9. März 2013

149 II Herrlisberg - Start mit Ami-Schlitten



Wie einst ein biblisches Paar in die Stadt seiner Väter zog, um sich der Zählung zu stellen, so begab sich Wendy zum Home, um von dort aus seine Ernte nach Herrlisberg zu tragen. Home, das freistehende Elternhaus, gehörte zum ländlichen Heimen und war umfriedet von den Höfen mehrerer Clans von Viehhaltern. Sie hießen mit Nachnamen alle Fleischer, grenzten sich aber stark voneinander ab. Die Viehrasse, die sie hielten, war eine ungewöhnliche Rasse. Man sagte, dass sie aus Indien stamme. Diese Rinder hatten ein hellbraunes, wolliges Fell, das völlig zerzaust war. Scheinbar willkürlich hingen über dem Fell dichte Knäuel von Wolle, bei den einen am Hals, bei den anderen am Rücken, bei wieder anderen am Hinterteil oder an den Beinen. Das verlieh den ansonsten schon unproportionierten Tieren nicht gerade ein ästhetisches Äußeres. Aber darauf kam es ja nicht an. Bei Kühen war wichtig, dass sie viel Milch gaben. Das taten sie bestimmt, sonst hätten sie sie ja nicht gehalten.
Da Wendy zwischen den Viehhaltern aufgewachsen war, fühlte er sich eng mit ihnen verbunden. Deshalb startete er seine Fahrt nach Herrlisberg vom Molkereiplatz aus, auf dem sie sich jeden Morgen und Abend bei der Milchabgabe trafen.
Der Wagen, den er sich für diese Fahrt ausgeliehen hatte, stammte aber nicht von ihnen, sondern von Olaf, einem hochbegabten Wissenschaftler und Physiker, den er an der höheren Schule kennen gelernt hatte. Olaf lieh ihm ein ausgezeichnetes Fahrzeug, seinen stattlichen Ami-Schlitten aus den Fünfzigern, mehr ein Schiff als ein Automobil. Auf dem Molkerei-Platz hatte sich Alt und Jung versammelt und bestaunte seinen tollen Wagen. Sein gleichaltriger Freund unter den Viehaltern kam mit einer Trage, einem Korb für den Rücken, wie ihn die Winzer bei der Ernte nutzen. Er öffnete den Kofferraum und steckte den Korb hinein. Anscheinend hatte man früher diese Trage benutzt, wenn man zum Herrlisberg aufbrach. Was soll ich damit? fragte sich Wendy. Aber aus Höflichkeit protestierte er nicht. Beim Abschied winkten alle. Manche sahen ihm neidvoll nach. Sie wären gerne mitgefahren, aber sie hatten keine Zeit. Dadurch, dass die Vertreiber der Milch ihre Verdienste immer weiter schmälerten, wurde ihre Arbeit ja nicht weniger.
Was für ein Fahren, in diesem gut gefederten, leicht schwingenden Automobil. Es war mehr ein Schweben, als ein hartes Fahren. Auf der Schnellstraße durch das große Moor von Heimen zum Schulort kurbelte Wendy die Scheibe nach unten und ließ den Wind in die Haare pusten. In Gedanken glitt er in seine Schulzeit zurück, in der er auf einer fortführenden Schule all die wichtigen Sparten kennen gelernt hatte, die die Grundlage der modernen Zivilisation ausmachten. Mathematik, Biologie, Physik und Chemie, sie hatten das Leben von Grund auf verändert. Allen voran die clevere Physik mit ihrem tatkräftigen Gatten Technik, den man nicht genug loben konnte. Erst recht, wenn man in einem so prächtigen Automobil, wie dem seinen, dahin flitzte. Solche Gedanken gingen Wendy durch den Kopf, während er in rauschender Fahrt durch die Moorebene glitt und auch, dass niemandem mehr zuzumuten wäre, eine Strecke, wie die von Heimen zum Schulort, im Schneckengang eines Fußgängers zurückzulegen. Kaum von Home losgefahren nahte er sich schon der Abzweigung vor dem Schulort.
Als es die Ausfahrt von der planen Schnellstraße auf die alte Straße hoch ging, rollte das Automobil plötzlich nicht mehr so glatt. Olafs Wagen fing an zu stocken und blieb schließlich sogar stehen. Da zeigte sich ein Nachteil dieses großspurigen Gefährts. Der Motor war nicht für Steigungen ausgelegt. Wendy musste aussteigen und nachhelfen. Mit der Linken presste er gegen den Türrahmen, mit der Rechten hielt er das Steuer. So schob er den schweren Wagen mit ziemlichem Kraftaufwand zur alten Straße hoch. Während er geradeaus weiter fuhr, fragte er sich besorgt, wie er mit diesem Glanzprodukt von Physiks Gatten den steilen Weg zum Herrlisberg hoch schaffen sollte. Die Ernüchterung war groß, aber es blieb ihm keine andere Wahl, er musste den schwerfälligen Wagen auf den Parkplatz der Firma Haag, die ihren Sitz am Ortseingang hatte, abstellen. Welch eine Ironie des Schicksals. In dieser modernen Zeit hatte er den Weg zu den Gefilden des Herrn wie vormals ein reumütiger Pilger auf Schusters Rappen zu gehen. Da war er plötzlich froh, dass ihm sein Freund, der Viehalter, einen Tragekorb für den Extrakt seiner Arbeit mitgegeben hatte. Er holte den Tragekorb heraus, steckte seine Ernte hinein und schickte sich an, den weiteren Weg zu Fuß zu gehen.

Im Laufe seines früheren Umherziehens hatte Wendy viele Freundschaften geschlossen. Nach den Viehaltern und nach Olaf dem Wissenschaftler, war er noch vielen andern Personen begegnet. Jede von ihnen gehörte zu einem anderen Aspekt des vielgestaltigen Lebens. Vielleicht die ungewöhnlichste Person von allen war Astrid gewesen, eine kesse Frau, von der er gar nicht wusste, wo sie zu Hause war. Manchmal dachte er, dass sie von einem anderen Stern stamme. Sie galt ihm aber als einer der patentesten und wendigsten Freunde. Durch einen wunderlichen Zufall traf er ausgerechnet diese Person in dem vertrackten Moment.
Wendy war gerade mit den Armen unter die Ledergurten seiner Trage geschlüpft, als ihn jemand ansprach.
„Ach, ist Erntezeit?“, wurde er gefragt.
Die verschmitzte Stimme kam ihm bekannt vor. Für einen Moment glaubte er nicht richtig zu sehen und rieb sich mit der rechten Hand erst das eine, dann das andere Auge. Vor ihm stand seine Freundin, die er lange nicht getroffen hatte.
Astrid sah ihn an mit seinem roten Kopf und den verschwitzten Kleidern und wusste sofort Bescheid. Wendy überlegte, wo er beginnen sollte. Aber dann brach es aus ihm heraus.
„Den Weg die Ziegensteige hoch werde ich wohl zu Fuß machen müssen.“ Er wies mit der Hand abfällig auf Olafs großen Wagen und sagte. „An die Strecken abseits ihrer Schnellstraßen haben diese Tüftler und Verwandler unseres Lebens wohl nicht gedacht. Ich bin kaum die Ausfahrt hochgekommen, wie sollte ich da mit einem solchen Fahrzeug die Ziegensteige schaffen.“
„So, geht’s nach Herrlisberg?“, fragte sie und reichte ihm umsichtig ein Taschentuch.
Er wischte sich den Schweiß von Gesicht und Hals.
„Fahrten außerhalb halten die auch nicht für wünschenswert“, bemerkte sie mit skeptischem Ausdruck. „Die wollen dich ja auf ihren Bahnen halten, in ihrer Welt.“
„Da magst du Recht haben. So deutlich ist mir das bisher nur nicht bewusst geworden.“
„Der Weg nach Herrlisberg hat schon manche dazu geführt, das Leben unter einem andern Blickwinkel zu betrachten“, sagte sie mit ernster Miene.
Wendy wunderte sich, dass sie sein Ziel erraten hatte.
Astrid mochte nicht, wenn einer ihrer Freund in der Patsche steckte und nicht herausfand. Deshalb beschloss sie Wendy etwas unter die Arme zu greifen.
„Hör mir zu“, sagte sie. „Wie wär’s mit einem Tausch? Du fährst für zwei, drei Stunden mit meinem kleinen Wagen und ich drehe mal eine Runde in deinem tollen Schlitten?“
Ob sie auch mit dem Auto da sei, fragte Wendy verwundert. Er denke sie fliege nur.
Aber nein, natürlich habe sie einen Wagen, entgegnete sie. Dieser habe nur leider die technische Prüfung für die Schnellstraße nicht bestanden, aber auf den alten Straßen könne man sich damit sehr wohl bewegen.
Sie führte Wendy zu einem Auto, an dem alles rund schien. Er hätte gar nicht gedacht, dass an einem Wagen so viel rund sein konnte.
„Was ist das für eine Marke?“, fragte er verwundert.
„Das ist die Marke Pi“, gab sie zur Antwort.
„Nie gehört“, brummte Wendy, „die scheinen Rundungen zu lieben.“
Astrid streckte ihm lachend die offene Hand mit dem Schlüssel entgegen und nahm seinen in Empfang.
So kam es, dass Wendy den Weg nach Herrlisberg doch fahren konnte.
Die wirklich sehr steile Ziegensteige hoch, nach Herrlisberg, bereitete dem kleinen runden Wagen überhaupt keine Probleme. Von der Form her, war er entfernt dem Ka-Modell verwandt. In der Leistung übertraf er diesen aber bei weitem. Der Bergrücken über der Ziegensteige war von einem dichten Wald bedeckt. Als Wendy diesen durchquerte, bemerkte er nicht, dass dies kein gewöhnlicher Wald sein konnte. Erst als er sich dahinter plötzlich in einer ganz anders anmutenden Welt befand, wurde ihm dies bewusst. MLF

Freitag, 8. März 2013

149 I Herrlisberg - Das Gesicht eines Granatapfels



Wie Wendy – lange nichts gehört von ihm – die Gefilde des Herrn in Herrlisberg aufsuchte.



Wieder ging ein Arbeitstag zur Ende. Es handelte sich um eine große Einrichtung, in der er tätig war. Auf der Rückseite des weitläufigen Gebäudes hatte sich einiges an Restholz angesammelt, vorwiegend Plattenstreifen unterschiedlichen Formats. Wendy hatte sich vorgenommen, dieses noch aufzuräumen, bevor er seinen Arbeitstag beschloss. Er stand draußen, als Elisabeth vom Flur her in den Raum mit der Außentür trat.

„Bist du noch immer nicht fertig“, rief sie. Für seine Gründlichkeit schien sie kein Verständnis zu haben. Der Ton erinnerte ihn an ihre Hochzeit mit Beat. Ein Frösteln lief ihm über den Rücken. Dort hatte sie ihm, Wendy, vor der versammelten Gästeschar bitterste Vorwürfe gemacht (85Vorwürfe bei der Hochzeit). Hätte er ihr gar nicht zugetraut, ihr, die aufgrund ihres vielsagenden Namens als eine Verehrerin des Herrn galt. Selbst als Wendy sie später bei ihrem Sohn besucht hatte, war er gescholten worden (86Elisabeths Sohn).

„Ich bin am Aufräumen“, rief Wendy und trat von draußen ins Türlicht, „so lange wirst du doch warten können.“

Nein, länger könne sie nicht warten, rief sie. Dem Ton ihrer Stimme war die Enttäuschung deutlich anzuhören.

„Mein Gott, ein paar Hölzer kleinzuschneiden, wird doch noch drin sein. Ich hab’s ja gleich“, rief ihr Wendy hinterher.

Elisabeth hatte ihn nicht mehr gehört. Sie war davor schon losgegangen.

Wenn er etwas hasste, dann war es, eine Arbeit unaufgeräumt zu hinterlassen. Aber nach ihrem Auftritt sagte er sich, dass er die Abfälle eigentlich auch später aufschneiden könnte. Er fürchtete, dass sie ernst machte und mit ihrer Truppe ohne ihn wegging. Also platzierte er die Holzstücke auf der Bank an der Hauswand, oben gegen die Mauer gelehnt. Auch wenn er sich bemühte, sie ordentlich auszurichten, ergab das kein sehr schönes Bild. Aber man muss auch mal etwas ungerade sein lassen können, sagte er halblaut zu sich. Es wird sich schon niemand beschweren.

Wendy ging eilig zur Garderobe, zog sich um und eilte an der Vorderseite durch den großen Hof zum Tor. Mit etwas Glück würde er Elisabeths Gruppe noch einholen.

Sie standen tatsächlich noch außerhalb des Tors. Doch nach ihm drehte sich niemand um. Selbst als er grüßte, „hallo, hier bin ich“, nahm man kaum Notiz von ihm. Sie hatten anscheinend nicht mehr mit ihm gerechnet. Elisabeth mied geflissentlich Wendys Blick. An ihrer Seite stand ein anderer. Der Mann an ihrer Seite bot einen seltsamen Anblick. Er war groß, sehr groß sogar, aber was für ein Gesicht. Wendy glaubte, er blicke auf eine Frucht mit vielen Wölbungen und einer Vertiefung, die die Blume der Frucht enthielt. An einen Granatapfel dachte er. Augen, Nase und Mund, wenn es sowas überhaupt gab, lagen in dieser Einbuchtung. Sie sahen den verdorrten Blättchen einer früheren Blüte ähnlicher, als den Sinnesorganen des Menschen. Um die Höflichkeit zu wahren und um sich gegenüber Elisabeth jovial zu verhalten, begrüßte er den großen Konkurrenten doch. Er tat dies mit einem förmlichen Kuss auf eine der vielen Ausbuchtungen dieses sonderbaren Gesichtes. Wendy geriet diese Geste etwas steif, wie man die Soutane eines Priesters küssen mochte. Oh, Elisabeth, auf wen hast du dich da eingelassen, dachte er dabei. Sobald die Begrüßung vollzogen war, setzte sich die Gruppe in Bewegung.

Von der Einrichtung gelangten sie auf eine städtische Straße, die auf einen Punkt im noch ziemlich weit entfernten Stadtkern zulief. Es war nicht Elisabeth, sondern Eike, die in der Gruppe den Ton angab.

„Seht ihr dort hinten die Querstraße?“, fragte sie. „Jenseits, links, das große Gebäude, das ist die Gaststätte ‚Sonne‘, dort wollen wir einkehren.“

 „Aber es ist doch gar nicht sicher, ob sie offen hat“, wandte Judy, die Zweiflerin, ein und verlangsamte den Schritt. „Was ist, wenn der Wirt überhaupt den Betrieb eingestellt hat?“

„Dann müssen wir eben sehen“, entgegnete Eike knapp. Sie breitete die Arme aus, als wolle sie alle umfangen und ging eine Spur schneller.

Judy gab sich noch nicht geschlagen. „Warum nicht in einer der hiesigen Gaststätten einkehren?“, schlug sie vor und wies auf einen soliden Riegelbau, der an ein Jägerhaus erinnerte. „Diese Gaststätte dort ist bekannt für eine gute Küche.“

Das von Judy empfohlene Gasthaus lag noch außerhalb der geschlossenen Häuserzeilen am Rand der Siedlung. Hinter dem Gebäude erhoben sich höhe Bäume, Weiden oder Pappeln. Sie ließen auf stehendes Wasser schließen, einen Teich oder einen kleinen See. Wendy gefiel die Vorstellung eines Gasthauses am Teich. Er fand auch, dass eine diesseitige Gaststätte ausreichen würde. Warum immer auf die andere Seite gehen. Man wurde doch auch in den diesseitigen Gaststätten satt. Eike war da entschieden anderer Meinung. Sie sandte Judy einen strafenden Blick und bewegte ihre ausgebreiteten Arme wedelnd, die Gruppe wie eine Horde Gänse vor sich hertreibend. Elisabeth und ihr Freund schienen die Auseinandersetzung hinter ihnen gar nicht mitzukriegen. Granatapfel war übrigens nicht ein neuer Freund von ihr, sondern derjenige, dem sie immer dann anhing, wenn andere Kandidaten wie Beat oder Wendy, sie mal wieder enttäuscht hatten. Wendy hatte ihn nicht gleich erkannt, weil sich sein Gesicht noch etwas weiter von dem eines gewöhnlichen Menschen entfernt hatte. Wie Elisabeth sich ihm doch immer wieder zuwenden konnte, wunderte ihn schon sehr. Fiel denn sein absonderliches Äußeres gar nicht ins Gewicht für sie?

Etwas anderes lenkte ihn ab und beschäftigte ihn fortan stärker. Nämlich die Reaktion der Passanten auf die Gruppe. Die Menschen schauten entweder schnell weg oder sie hielten den Blick schräg auf Elisabeths Truppe gerichtet. Es war nicht schwer dieses Verhalten zu deuten. Sie schienen, so wie sie, von Granatapfel überragt, daherkamen, geradezu der Inbegriff dessen zu sein, was man meidet. Das betraf vor allem die jungen Menschen. Von denen mittleren Alters kam ab und zu eine neutrale Reaktion. Nur von den alten Leuten sah er gelegentlich jemanden anhalten, um ihnen bewundernd nachzuschauen. Dabei war ihr Innehalten meistens mit einer unwillkürlichen Bewegung verbunden, einem leichten Vornüberbeugen. Es braucht nicht erwähnt zu werden, dass es Granatapfel war, der die meiste Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Passanten schienen sie, Elisabeth, Eike, Judy, Wendy und die anderen nur als ein Anhängsel von ihm zu betrachten. Wendy fragte sich, ob die jungen Menschen sie auch so abschätzig behandelten, wenn Granatapfel nicht dabei wäre und er an Elisabeths Seite ginge? Er war sich nicht sicher, vielleicht nicht, vielleicht doch. Die Reaktionen von Umstehenden auf andere Menschen sind meist instinktiv. Vielleicht war es ein euphorisches Glimmen in den Augen der Gruppenmitglieder, das die Abwehr der jungen Leute, die ja vor allem cool sein wollen, hervorrief. Ihm war es egal, wie die Menschen reagierten. Jedenfalls glaubte er das, bis unter den Passanten ein Bekannter erschien.

Sie waren nicht mehr weit von der Querstraße entfernt, da stand im schattiger werdenden Licht des Vorabends ein früherer Kollege, mit dem er eine Weile im selben Dienstverhältnis gestanden hatte. Der ehemalige Mitarbeiter schaute auf sie und kniff die Augen zu. Er war geblendet, weil das Licht hinter ihnen stand. Trotzdem drehte er den Kopf langsam, im Gleichmaß mit ihrem Vorbeigehen. Wendy sah ihn an, grüßte aber nicht, sondern hielt nur seinem Blick stand. Diese Szene hatte etwas Hypnotisches. Es war, als wollten zwei Personen miteinander Kontakt halten, während die Erdplatten, auf denen sie standen, auseinanderbrachen. Als sie vorbei waren, juckte es Wendy auf der Stirn. Als er hinfasste, spürte er einen Tropfen Schweiß. Anscheinend waren ihm die Reaktionen der Mitmenschen doch nicht egal.



Die ‚Sonne‘ war doch geöffnet. Am Tisch sitzend wurde im Gespräch gesagt, dass jeder, was er erntet, zum Herrn tragen müsse.

„Wie?“, fragte Wendy verdutzt, „aber ich habe doch gar nichts geerntet.“

„Niemand hat nichts zu ernten. Jeder hat dem Herrn etwas zu bringen“, sagte Eike in ihrer sturen, belehrenden Art und machte ihn damit verstummen.

Aber dann fragte er doch. „Wo soll ich meine Ernte hintragen? Wenn ich denn was habe.“

Wo er herstamme, wurde er gefragt und alle sahen ihn neugierig an.

War denn wirklich niemand dabei, der wusste, wo er aufgewachsen war. Noch gereizt durch Eikes vorlaute Art antwortete er flapsig:

„Von Home natürlich. Was für eine dumme Frage.“

Wo sein Home liege.

Es gehöre zu Heimen.

Wo Heimen angesiedelt sei.

Es liege auf dem Land und sei ein Nachbarort des Schulorts, gab er zur Antwort, zu Füßen des Lindenbergs.

Ah beim Lindenberg. Über dem Lindenberg liege Herrlisberg. Dort müsse er hin.

So wurde Wendy überredet, seine Ernte nach Herrlisberg zu tragen. MLF